Russisches Öl Segen und Fluch zugleich

28. Februar 2003, 19:20
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Diversifizierung der Wirtschaft verhindert

Moskau - Russlands Ölindustrie profitiert vom hohen Ölpreis, die letzten drei Monate könnten nicht besser gelaufen sein. Dank des stetigen Preisanstiegs verdient Russland, der weltweit zweitgrößte Ölproduzent, nicht nur blendend, sondern sieht sich auch einer steigenden Nachfrage nach seinem Rohstoff gegenüber.

Was Russlands Ölsektor derzeit zugute kommt, kann freilich nicht über das Hauptproblem der russischen Wirtschaft hinwegtäuschen: die einseitige Abhängigkeit vom Rohstoffsektor. Mehr als 50 Prozent der russischen Exporte fallen auf Gas und Öl. Mehrmals hat Präsident Wladimir Putin die Regierung aufgefordert, mit der höchst dringlichen Diversifizierung der Wirtschaft Ernst zu machen.

Reformplan

In der momentan günstigen Situation hat Wirtschaftsminister German Gref einen detaillierten Reformplan vorgelegt, der vorsieht, die Steuern für Energieexporte zu heben und im Gegenzug kleine und mittlere Betriebe, die weniger als 20 Prozent des Wirtschaftsaufkommens ausmachen, durch Steuererleichterungen zu fördern.

Grefs Vorhaben, ein Wirtschaftswachstum von fünf Prozent für die nächsten drei Jahre zu sichern, weist allerdings zwei Variablen auf: erstens den absehbaren Widerstand der mächtigen Energiekonzerne und zweitens den Ölpreis, dessen Entwicklung wegen des Irakkriegs nicht vorhersehbar ist. Ein Verfall der Preise würde das Budget für 2003 gefährden, das eine Rekordtilgungsrate für Auslandsschulden vorsieht und dem ein Ölpreis von 21 Dollar zugrunde liegt.

Grundproblem

Mit der gesteigerten Nachfrage nach russischem Öl tritt aber auch ein Grundproblem des Ölsektors selbst zutage: Der Ausbau der Transportkapazitäten kann mit der gesteigerten Produktion nicht mithalten. Die Branche klagt bereits über Beschränkungen, einige sehen den Zenit noch in diesem Jahr erreicht. Da der Export weitaus lukrativer ist als der innerrussische Verkauf, suchen die Ölfirmen nach neuen Exportwegen, die bislang vom Staatsmonopol Transneft kontrolliert werden.

Dieses verspricht zwar bis Jahresende eine Ausweitung der Transportkapazität um sieben Prozent, doch sehen die Ölfirmen das Problem damit nicht behoben. Infrage gestellt wird daher immer mehr das Transportmonopol. Kürzlich haben die führenden Ölfirmen selbst das Projekt eines neuen Transportweges über Murmansk vorgestellt.

Käufer stehen Schlange

Neue Leitungen seien erforderlich, um die steigende Nachfrage nach russischem Öl zu decken: Europa und die USA wollen unabhängiger von der nahöstlichen Ölbonanza werden. Europa bezieht derzeit über zehn Prozent seiner Rohölimporte aus Russland, Amerika mickrige ein Prozent, die aber bis 2010 auf bis zu 13 Prozent steigen könnten. Kritiker sehen es aber anstelle weiterer Exportsteigerungen für wünschenswerter, mit einer erhöhten Ölnachfrage im Land die eigene Wirtschaft zu entwickeln und zu diversifizieren. (Eduard Steiner, DER STANDARD, Printausgabe 1.3.2003)

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