Martine, Ségolène oder Benoît

19. November 2008, 17:27
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Seit Wochen versucht François Hollande, Chef der französischen Sozialisten, seine Nachfolge zu regeln - Eine Mitgliederbefragung soll die Frage heute lösen

Seit Tagen und Wochen versucht François Hollande, der Chef der französischen Sozialisten, verzweifelt, seine Nachfolge zu regeln. Doch der chaotische Parteitag in Reims brachte am vergangenen Wochenende nicht einmal eine Kandidatenempfehlung an die Parteibasis zustande. Nun haben die 230.000 Parteimitglieder heute, Donnerstag, die Wahl zwischen drei Namen: Ex-Arbeitsministerin Martine Aubry gilt als Favoritin vor Ségolène Royal, der unterlegenen Präsidentschaftskandidatin von 2007, und dem linken Außenseiter Benoît Hamon. Erhält im ersten Wahlgang niemand die absolute Mehrheit, folgt schon am Freitag die Stichwahl.

Was auf dem Papier einfach klingt, wird im Parti Socialiste (PS) stets kompliziert und dramatisch. In den 1980er-Jahren ächzte der PS unter dem Titanenkampf zwischen François Mitterrand und Michel Rocard, nun läuft die Parteiwahl auf ein Frauenduell hinaus. Die beiden Kandidatinnen könnten nicht unterschiedlicher sein: hier die abgehobene "Ségolène" , medienwirksam, attraktiv und jungmädchenhaft; eine Einzelgängerin, die eher dem rechten Parteiflügel zuzuordnen ist, für eine Allianz mit der Zentrumspartei Modem eintritt, sich in Wahrheit aber eher von einer persönlichen "Mission" angetrieben fühlt. Und dort die vierschrötige Aubry, katholisch, solid und Bürgermeisterin der nordfranzösischen Metropole Lille; sie steht politisch eher links von der Parteimitte und gehört zur alten Parteigarde wie ihr Vater, der frühere EU-Kommissionspräsident Jacques Delors.

Bei näherem Hinschauen fallen aber auch Gemeinsamkeiten auf. Die zwei Frauen entstammen der gleichen Generation, und Royal (55) wie Aubry (58) haben die Eliteverwaltungsschule ENA absolviert. In Sachen Ehrgeiz laufen sie ihren männlichen Parteirivalen mühelos den Rang ab. Beide nehmen kein Blatt vor den Mund - und beide haben politisch einen Makel: Royal hat schon einmal gegen den bürgerlichen Präsidentschaftskandidaten Nicolas Sarkozy verloren, Aubry gilt - was ungenau ist - als "Mutter" der viel kritisierten 35-Stundenwoche, die Frankreichs Wirtschaft heute eher lähmt als die Arbeitslosigkeit bekämpft.

Royal musste diese Woche selber zugeben, dass Aubry "arithmetisch die besseren Chancen" habe. Nach allen Parteibaronen - Lionel Jospin, Michel Rocard, Jack Lang, Pierre Mauroy, Laurent Fabius - hat sich am Montag überraschend auch der Pariser Bürgermeister Bertrand Delanoë für Aubry ausgesprochen. (Stefan Brändle aus Paris/DER STANDARD, Printausgabe, 20.11.2008)

 

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