Brigitta Sirny gewann Prozess gegen Martin Wabl

19. November 2008, 12:50
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Wabl wurde verpflichtet die Entführungs-Behauptungen gegen Mutter von Natascha Kampusch zu unterlassen - Wabl hat nun vier Wochen Zeit, gegen das Urteil zu berufen

Ex-Richter Wabl verlor erneut Prozess gegen Brigitta Sirny - Neuermittlungen in der Causa stocken - Von Irene Brickner und Walter Müller

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Wien/Graz - Laut Urteil soll Martin Wabl schweigen - doch er denkt nicht daran, sich daran zu halten. Am Mittwoch untersagte ein Grazer Zivilgericht dem pensionierten steirischen Richter erneut, zu behaupten, dass die Mutter von Natascha Kampusch, Brigitta Sirny, an einem möglichen sexuellen Missbrauch sowie an der Entführung ihrer Tochter beteiligt gewesen sei. Wabl habe "zu keiner Zeit auch nur über einigermaßen zureichende Anhaltspunkte für einen begründeten Verdacht" verfügt.

Doch der Ex-Richter bleibt bei seiner "Theorie" einer Involvierung Sirnys in den Entführungsfall und wird, wie er dem Standard ankündigte, gegen das Urteil "natürlich berufen". Es seien "zum Beispiel einige wesentliche Beweisanträge nicht berücksichtigt worden, es fehlen auch noch immer wichtige Polizeiprotokolle", sagte er.

Seit mittlerweile gut zehn Jahren versucht der Jurist, eine Verquickung Sirnys in den Entführungsfall Natascha Kampusch nachzuweisen. Als Präsidentschaftskandidat wurde er deswegen 1998 sogar kurzfristig von der Polizei festgenommen, weil er sich als offizieller Ermittler ausgegeben hatte.

 Einzeltätertheorie

Auch jetzt will er nicht von seinem Vorsatz lassen. Der eigentliche juristische Schauplatz sei ohnehin woanders, nämlich beim - wie er glaubt - künftigen "strafrechtlichen Verfahren gegen Sirny". Ein solcher Gerichtsgang sei im Zuge der vor zwei Wochen beschlossenen neuen Ermittlungen aufgrund des Evaluierungsberichts der Kampusch-Kommission zu erwarten. Deren Leiter, Ex-Verfassungsgerichtshofpräsident Ludwig Adamovich, hatte unter anderem Zweifel an der Einzeltätertheorie in dem Entführungsfall angemeldet.

Für Wabl ist trotz des jetzigen Urteils klar: Es habe mehrere Mittäter gegeben, Brigitta Sirny stehe im Mittelpunkt eines "Geflechtes": Die Ermittlungen auf polizeilicher Ebene würden "das wirkliche Ausmaß" ans Licht bringen: "Für mich ist wichtig: Die Glut soll nicht erlöschen, der Fall nicht zu den Akten gelegt werden."

Zäher Aktenlauf in Wien


In Wien jedoch gestaltet sich der Aktenlauf im wieder aufgekochten Fall Kampusch zäh. Bis Mittwoch war im Innenministerium kein Ermittlungsauftrag von der Staatsanwaltschaft in der Causa eingelangt. Ein solcher war vor zwölf Tagen von der Staatsanwaltschaft angekündigt worden. Ohne Ermittlungsauftrag könne das polizeiliche Vorgehen nicht organisiert werden, sagte Ministeriumssprecher Rudolf Gollia zum Standard.

Auch die Hauptbetroffene, Natascha Kampusch, selbst hat bisher noch nichts von neuerlichen Untersuchungen mitbekommen: "Jede diesbezügliche Anfrage würde zuerst zu mir gelangen", erläutert deren Anwalt, Gerald Ganzger. Kampusch hatte Neuermittlungen zuerst befürwortet, in Interviews dann aber keinen rechten Sinn darin erblickt. Sie habe keinen zweiten Täter wahrgenommen. (Irene Brickner und Walter Müller, DER STRANDARD Printausgabe 20.11.2008)

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