"Armutszentrierte Maßnahmen sind oft armselige Maßnahmen"

19. November 2008, 12:28
119 Postings

Armutsforscher Sedmak erklärt im derStandard.at-Interview, wieso Österreich Nachholbedarf in Ethik und Gerechtigkeit hat

Clemens Sedmak ist Philosoph - und zugleich Armutsforscher. Wieso das zusammenpasst, wie eine Gesellschaft zwar nicht gerecht, aber zumindest anständig werden kann und warum Bildung der Schlüssel zur Armutsbekämpfung ist, darüber sprach Sedmak mit derStandard.at. Die Fragen stellte Anita Zielina.

***

derStandard.at: Herr Professor, ein Institut für "Armutsforschung" – gehört das nicht eher an die Wirtschaftsfakultät oder die Soziologie als an die Philosophie?

Sedmak: Naja, in gewisser Weise haben Sie recht. Armut hat natürlich in erster Linie mit wirtschaftlich-monetären Aspekten zu tun, zumindest wird es oft darauf reduziert. Andererseits hat das Thema sehr viele weiche Aspekte. Wir fragen uns im Institut nicht nur, was wie viele Menschen brauchen, damit es ihnen besser geht, sondern vor allem: Warum geht es ihnen schlecht? Wir sind der Ansicht, dass man Armutsforschung von der Frage nach einer gerechten Gesellschaft nicht trennen kann. Das ist eine Binsenweisheit: Armutszentrierte Maßnahmen sind sehr oft armselige Maßnahmen.

derStandard.at: Wenn sie schon von der Frage der Gerechtigkeit sprechen - Ist die österreichische Gesellschaft eine gerechte Gesellschaft?

Sedmak: Nein. Es gibt aber generell keine gerechten Gesellschaften, da liegt die Latte einfach zu hoch. Wir werden immer etwas auszusetzen haben als Philosophen. Aber was wir erreichen sollten, ist eine anständige Gesellschaft, Philosophen nennen es eine "decent society". Dennoch: Österreich könnte sich in ethischer Hinsicht mehr anstrengen.

derStandard.at: Wie misst man den Grad von "Ethik"?

Sedmak: Da gibt es eine breite Debatte darüber: Wie misst man die ethische Qualität einer Gesellschaft? Ein wichtiger Maßstab ist natürlich, ob alle Menschen gleiche Zugangschancen haben. Wie geht die Gesellschaft mit den schwächsten Gruppen um? Die Allerschwächsten in der Gesellschaft sind die, die nicht zur Gesellschaft dazu gehören. Man kann etwa sagen, dass das höchste Gut, das eine Gemeinschaft vergeben kann, die Aufnahme in diese Gemeinschaft ist. Diese Schwächsten sind also etwa AsylwerberInnen, denen das Gut der Mitgliedschaft verwehrt wird. Da sollte sich Österreich fragen, ob es nicht mehr tun kann. Der neoliberale Diskurs eignet sich nicht sehr gut, um Fragen der Gerechtigkeit zu diskutieren.

derStandard.at: Wenn sie sagen, Österreich müsse sich mehr anstrengen, meinen Sie damit den österreichischen Staat oder jeden Einzelnen?

Sedmak: Es bedeutet immer wir alle, immer, immer, immer! Ich mache bei mir die Beobachtung: Früher, als ich ein bisschen weniger Geld verdient habe, war ich weniger gierig als jetzt. Das macht mich nervös, und das ist gut so. Was den Staat betrifft: Dass die Qualität der Gesetze eine Qualität erreicht hat, die an die Grenzen des Rechtsstaat kommt, muss man, glaube ich, nicht näher erläutern. Husch-Pfusch-Gesetze entfalten ihre negativen Auswirkungen vor allem bei denen, die sich am wenigsten wehren können.

Ein weiterer Punkt ist die Frage des Generationenausgleichs. Ich glaube an so etwas wie eine intergenerationelle Gerechtigkeit. Ich finde nicht, dass es gerechtfertigt werden kann, auf Kosten junger Generationen Privilegierungen im aktuellen Pensionssystem zu erhalten. Dieses System ist von Vornherein kein nachhaltiges gewesen, und es jetzt noch weniger nachhaltig zu machen, ist sicher ein Unsinn.

derStandard.at: Wenn sie an die kommende Regierung einen Wunschzettel aus ethischer Sicht schreiben könnten, was würde darauf stehen?

Sedmak: Zwei große Anliegen. Erstens: In die Bildung investieren. Bildung ist der Schlüssel zur Armutsbekämpfung, ein Schlüssel zu einem Leben, das aus Chancen und Möglichkeiten besteht. Und zweitens: An einem Sozialstaat weiterzubauen, der diesen Namen auch verdient. Und nicht den Sozialstaat in etwas umzustrukturieren, wo der Anschein erweckt wird, dass grantige Bürokraten ihr sauer erspartes eigenes Taschengeld an irgendwelche Bittsteller abgeben müssen. Ein Sozialstaat sollte etwas sein, das den Menschen die Existenzängste nimmt, das war an sich immer die Grundidee des Sozialstaates. (Anita Zielina, derStandard.at, 19.11.2008)

Zur Person

Clemens Sedmak ist Leiter des Zentrums für Ethik und Armutsforschung an der Uni Salzburg. Er ist in Theologie und Philosophie habilitiert. Das Zentrum widmet sich der wissenschaftlichen Bearbeitung von ethischen Grundfragen gesellschaftlichen Zusammenlebens unter besonderer Berücksichtigung der Phänomene Armut und soziale Ausgrenzung.

  • Bild nicht mehr verfügbar
    Foto: AP/Volker Wiciok

    Sedmak: "Früher, als ich ein bisschen weniger Geld verdient habe, war ich weniger gierig als jetzt. Das macht mich nervös, und das ist gut so."

Share if you care.