Die Schule ist kein Knutschfleck

19. November 2008, 15:59
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Der Direktor einer oberösterreichischen Hauptschule sorgt mit einem Brief für Aufregung - Die Aktion kritischer SchülerInnen will sich die Einschränkung nicht gefallen lassen

Gunskirchen - Wildes Knutschen verboten - an der Hauptschule (HS) im oberösterreichischen Gunskirchen ist ab sofort Schluss mit intensiven Mund-zu-Mund-Küssen. Nur noch Bussis auf die Wange gehen in Ordnung. In einem Brief informierte Direktor Siegfried Biermair die Eltern darüber, worauf einige Eltern nur verständnislos den Kopf geschüttelt haben sollen. Denn auch an anderen Schulen gehören küssende Teenager zum Schulalltag, jedoch "mit einem Unterschied" , wie Bezirksschulinspektor Franz Heilinger dem Standard erklärte.
Eine Schülerin der HS Gunskirchen hatte sich beschwert, weil sie von einem ungeliebten Jüngling zum Knutschen genötigt worden sei. Im Schulforum, in dem Lehrer und Eltern sitzen, wurde dieser Zwischenfall thematisiert. Erstens hätten derartige Intimitäten an der Schule nichts verloren und zweitens können, wie bereits passiert, Grenzen der Zumutbarkeit überschritten werden. So beschloss das Schulforum einstimmig, dass in allen Klassen mit den Schülern über persönliche Grenzen diskutiert werden solle, erläutert Heilinger.
Zudem gab es noch besagten Elternbrief von Direktor Biermair, in dem er bat, auf die Kinder einzuwirken, damit diese Vorgänge abgestellt würden. "Diese zum Teil lang anhaltenden Küsse auf den Mund haben nichts mit Begrüßen und Verabschieden zu tun und sind daher in der Schule zu unterlassen" , schließt sich auch der Bezirksschulinspektor der Meinung der Schulleitung an. Man wolle sich auch nicht eines Tages mit dem Vorwurf konfrontiert sehen, nichts unternommen zu haben, sollte es zu einem ernsteren Zwischenfall kommen, hatte Biermair noch als Begründung angeführt.

Die Linzer Vorsitzende der "Aktion Kritischer Schüler" , Vanessa Gaigg, bezeichnet das Kuss-Verbot als "lächerlich und vollkommen übertrieben" . Auch Psychologin Luise Hollerer hält von dem Verbot wenig. Es würde den Jugendlichen die Chance nehmen, Sozialverhalten auszutesten und Regeln zu lernen, sagte Hollerer, die im Berufsverband der österreichischen Psychologen für Pädagogik verantwortlich ist.
"Grundsätzlich sind mir zwar auch küssende Schüler lieber als prügelnde, aber Mitschüler zu bedrängen, das geht zu weit." Deshalb kann Heilinger das informelle Kuss-Verbot nachvollziehen. Informell deshalb, weil es (bisher) nicht in die Hausordnung aufgenommen wurde. Seit der 2001 geltenden Schulautonomie kann jede Schule individuell Verhaltenvereinbarungen treffen, die das Schulforum beschließen muss. Im Wesentlichen soll eine derartige Hausordnung Anleitung für einen respektvollen Umgang zwischen Lehrern und Schülern sein.

Keine Kuss-Orgien

Nicht bis in die Hausordnung, aber in sämtliche Schlagzeilen schaffte es das bereits imDezember 2006 an der Sporthauptschule Scheibbs in Niederösterreich diskutierte Kuss-Verbot. Damals hatte Direktor Andreas Handl die Lehrer dazu angewiesen, die Jugendlichen "in schüleradäquater Form" darauf hinzuweisen, dass Kuss-Orgien nicht in die Schule gehören. Herausgekommen ist letztendlich "eine mündliche Einigung aller Beteiligten darauf, dass man aufeinander Rücksicht nimmt und darauf achtet, dass keine zügellose Küsserei zustande kommt" , sagte Handl dem Standard.

Landesschulrat Hermann Helm erzählt, dass er sogar dazu aufgefordert worden sei, "gegen das Bussi, Bussi" ein Verbot auszusprechen. Was er nicht tat. "Das leben wir Erwachsenen ja vor. Warum soll ich das verbieten? Das ist Teil unserer Kultur" , sagt er. Weitere Anfragen oder Klagen in Sachen Küssen habe es beim Landesschulrat seit jenem Fall in Scheibbs keine mehr gegeben.

Das Kuss-Verbot an einerSchule in Oberösterreich sorgt für Aufregung. Die "Aktion Kritischer Schüler" hält es für "lächerlich" , dasSchulforum für "nötig" . An einer Schule in Scheibbs ist seit 2006 das Knutschen reglementiert.(Kerstin Scheller, Gudrun Springer, DER STANDARD-Printausgabe, 20. November 2008)

 

  • Mit dem Kussverbot will der Direktor die SchülerInnen vor "negativen Folgewirkungen" schützen"
    foto: epa

    Mit dem Kussverbot will der Direktor die SchülerInnen vor "negativen Folgewirkungen" schützen"

  • Die SchülerInnenvertretung will sich die Freiheit nicht nehmen lassen.
    foto: aks

    Die SchülerInnenvertretung will sich die Freiheit nicht nehmen lassen.

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