Höhere Preise treiben Kunden zu Diskontern

19. November 2008, 11:12
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Billigketten wie Kik gewinnen an Boden. Der Textilkonzern macht in Österreich Rekordgewinne und erreicht Margen von 17 Prozent

Wien - In Österreich wird heuer weniger und seltener eingekauft. Tägliche kleine Besorgungen weichen raren Großeinkäufen, und die Diskonter erleben starken Zulauf, zeigen aktuelle Analysen des Marktforschungsinstituts GfK. Auf biologische Lebensmittel wird demnach oft verzichtet, billige Handelsmarken sind weiterhin am Vormarsch.

Ein Fünftel der Befragten gab an, sich "fast nichts mehr" leisten zu können, diese Gruppe wird laut der GfK ständig größer. Gespart wurde in den vergangenen Monaten überwiegend bei Nichtlebensmitteln, etwa bei Wasch- und Putzmitteln.

"Die Preise sind derzeit ein starkes Argument, und das kommt vor allem Diskontern entgegen", meint Michael Oberweger vom Consulter Regioplan. Einer der Profiteure ist Kik, sind sich Experten einig. Und die Textilkette hat in Österreich bereits bisher prächtig verdient, zeigt ein Blick in die Konzernbilanzen.

Kik hat im Geschäftsjahr 2006/07 Rekorderträge erzielt. Die Textilien und Non-Food GesmbH mit Sitz in Wien weist eine Gewinnmarge von 17 Prozent auf. Das Ebitda stieg von 22,4 auf 26,6 Millionen Euro. Üblich sind im Modehandel Margen von ein bis drei Prozent.

"Schuldige Mitarbeiter"


Als Teil der betrieblichen Erträge listet Kik 121.497 Euro auf: Sie stammen aus sogenannten Schuldanerkenntnissen von Mitarbeitern. Die stark umstrittene Praxis dahinter: Beschäftigte bekennen vor Notaren, ihren Arbeitgeber finanziell geschädigt zu haben, etwa durch Diebstahl. Die Gewerkschaft sieht darin vielfach erpresste Geständnisse. Kik war für Stellungnahmen zu diesem Thema nicht erreichbar.

Was die Umsätze betrifft, schaffte Kik 2007/08 in Österreich einen Zuwachs von 156 auf 187 Millionen Euro. Der Konzern habe durch die höheren Lebenshaltungskosten als Preisführer zusätzliche Kunden gewonnen, teilt die deutsche Zentrale auf Anfrage des Standard mit.

Dazu kommt ein wachsendes Filialnetz. Kik betreibt in Österreich mittlerweile mit 1200 Mitarbeitern rund 240 Standorte. Mit ihrem Sortiment etabliert sich die Kette als Nahversorger. Produkte abseits reiner Textilien - von Spielzeug über Küchenartikeln bis zu Schreibware und Schmuck - sorgen für mehr als ein Viertel des Geschäfts.

Die Gründe für die sprudelnden Gewinne: Kik legt keinen Wert auf teure Filialen. Geliefert wird alles aus dem deutschen Zentrallager in Bönen, die Frächter transportieren für wenig Geld. Eingekauft wird in China und Bangladesch, Kik zählt in zweiterem Land knapp 150 Lieferanten. NGOs berichten laufend von erheblichen Arbeits- und Menschenrechtsverletzungen.

Der Verhaltenskodex für die Industrie sei unzureichend und werde zudem nicht umgesetzt, sagt Gisela Burckhardt von der Clean Clothes Campaign in Deutschland. Kik leugne Verstöße nicht, gebe sich sensibel und vertröste, aber ändere letztlich nichts. Um zu überleben, seien in den Werken dreimal höhere Löhne nötig, als sie bisher bezahlt würden, Betriebsräte fehlten. Burckhardt: "Kik ist in der Lage, die Qualitäten zu kontrollieren, warum nicht auch soziale Standards?" Konzerne wie Tchibo zeigten vor, dass es auch anders gehe.

Kik spart auch bei den eigenen Mitarbeitern. In Dortmund zogen heuer drei Beschäftigte gegen Kik vor Gericht. Sie waren mit 5,20 Euro für die Stunde entlohnt worden, für nicht einmal die Hälfte der Tariflöhne. Das Gericht sah darin Sittenwidrigkeit - Kik zog den Kürzeren. Deutschland hat keine flächendeckenden Tarifverträge. Wer nicht im Arbeitgeberverband ist, der ist daran auch nicht gebunden. Wegen Wucherlöhne Klage einzureichen, wagen jedoch nur wenige.

In Österreich hält sich Kik an die Kollektivverträge, sagt der Gewerkschafter Georg Grundei, nicht aber an andere Regeln. Viele Mitarbeiter fielen um Zuschläge für Mehrarbeit um. Ab Jänner soll es bei Kik nun erstmals strukturierte Arbeitszeitaufzeichnungen geben. (Verena Kainrath, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.11.2008)

 

 

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    Schmale Einkommen und steigende Kosten schlagen auf das Konsumverhalten durch. Diskonter erleben heuer einen stärkeren Zulauf, sagen Marktforscher. Doch Schnäppchen haben ihren Preis

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