Martine Aubry will Sozialistenchefin werden

20. November 2008, 10:35
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58-Jährige will Werte der Linken verteidigen - Gilt als "Erfinderin" der 35-Stunden-Woche: "Segolene und ich, wir haben nichts gemein"

Paris - Bisweilen heißt es, dass die gescheiterte Präsidentschaftskandidatin Segolene Royal ihre Feindin sei. Aber das sei "lächerlich", sagt Martine Aubry, die frühere Arbeitsministerin, die am Donnerstag in einer Kampfabstimmung gegen Royal um den Parteivorsitz der französischen Sozialisten antritt. "Segolene und ich, wir haben nichts gemein, das ist alles." Tatsächlich vertritt Aubry - die "Erfinderin" der 35-Stunden-Woche und Tochter des früheren EU-Kommissionspräsidenten Jacques Delors - die linken Werte der Sozialistischen Partei (PS), während Royal zur Mitte neigt. Aubry warf ihren Hut spät in den Ring, hat aber Chancen auf einen Sieg.

Die Bürgermeisterin der nordfranzösischen Industriestadt Lille hatte bis zum Parteitag der Sozialisten am vergangenen Wochenende offen gelassen, ob sie als Vorsitzende der PS kandidieren würde. Zusammen mit dem Pariser Bürgermeister Bertrand Delanoe, der lange als Favorit für den Posten gehandelt worden war, schmiedete Aubry tagelang an einer Front gegen Royal. Erst am Sonntag, nachdem die Gespräche mit Delanoe ins Leere gelaufen waren, ließ die 58-Jährige sich schließlich selbst zur Wahl aufstellen.

Delanoe unterstützt Aubry

Während es da noch so aussah, als ob Aubry - und der ebenfalls antretende Parteilinke Benoit Hamon sowieso - nicht gegen die charismatische Royal ankommen könnten, wendete sich das Blatt am Tag darauf zugunsten von Aubry: Delanoe sprach ihr seine Unterstützung aus und rief die 233.000 Parteimitglieder auf, sie zur Nachfolgerin von Parteichef Francois Hollande zu wählen. "Wir haben eine enorme Verantwortung", erklärte der Pariser Bürgermeister. Es gehe um nicht weniger als "die Identität" der Partei. Die Unterstützung des Schwergewichtes ist ein wichtiger Punkt für Aubry.

Die Sozialistin, die sich vor allem als Fachfrau für Arbeit und Beschäftigung einen Namen gemacht hat, lehnt die liberale Politik des konservativen Staatschefs Nicolas Sarkozy entschieden ab. Die Partei müsse jetzt geschlossen auftreten und den Franzosen klarmachen, "dass wir uns gegen die Politik von Sarkozy verwahren und mit ihnen dagegen ankämpfen", fordert Aubry. "Ich glaube, dass die Werte der Linken niemals aktueller gewesen sind."

Die geborene Pariserin hatte nach der Matura an der Kaderschmiede ENA studiert und bekam gleich nach der Verwaltungshochschule einen Job im Arbeitsministerium. Anfang der 90er Jahre wurde Aubry zur Arbeitsministerin ernannt; den Posten übte sie zwei Jahre lang aus. 1997 wurde sie Beschäftigungsministerin und initiierte die 35-Stunden-Woche - eine Reform, die das Leben von Millionen Franzosen tiefgreifend verändert hat. Seit 1995 war Aubry zudem stellvertretende Bürgermeisterin von Lille, im März 2001 wurde sie selbst an die Spitze der Stadtverwaltung gewählt.

Manche werfen Aubry vor, sie sei ungeduldig, schroff und autoritär; andere heben ihre unkomplizierte, offene Art hervor. Die in zweiter Ehe verheiratete Politikerin selbst sieht sich vor allem als Teamplayerin. Als Royal vor zwei Monaten dazu aufgerufen hatte, nicht mit Kandidaturen für den Parteitag oder gar die Präsidentschaftswahl 2012 vorzupreschen und ihre eigene Kandidatur demonstrativ "auf Eis" legte, sagte Aubry, der Eisschrank sei ihrer Meinung nicht die beste Lösung für das Land. Sie wolle vielmehr daran arbeiten, "den Franzosen die Hoffnung zurückzugeben". (Von Kerstin Löffler/AFP)

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    Kisses from Bertrand: der populäre Pariser Bürgermeister Delanoe setzt sich für Aubry ein.

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