"Pfui, du stinkst, du dreckiger Zigeuner"

18. November 2008, 18:26
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Ein Augustin-Verkäufer soll auf einer Wiener Polizeistation misshandelt worden sein - Laut Gedächtnis­pro­to­koll musste sich der Slowake nackt ausziehen und von einem Beamten demütigen lassen - Interne Ermittlungen laufen

Wien - "Schau, so musst du betteln", sagte der Polizist. Und Jaro T. (Name geändert), ein Slowake, der in Wien die Straßenzeitung Augustin verkauft, musste sich nackt ausziehen und vor dem Beamten hinknien. Mit "Pfui, du stinkst, du dreckiger Zigeuner" beleidigte der Beamte den Mann weiter. Und T. musste das bejahen. So schildert zumindest der Mann seine Erlebnisse am 23. Oktober in der Polizeiinspektion am Wiener Karlsplatz dem Augustin.

In der jüngsten Ausgabe der Straßenzeitung wird das Gedächtnisprotokoll des zur ungarischen Minderheit gehörenden Slowaken abgedruckt. Am betreffenden Donnerstagmorgen geht er mit seiner Frau Zuza und seinem 18-jährigen Sohn zum "Augustin"-Büro, um Zeitungen zu kaufen. Und daraufhin zum Karlsplatz, um diese zu verkaufen. Dort werden sie von der Polizei kontrolliert. Zu T.s Sohn sagt der Beamte nach seiner Darstellung, er könne verschwinden.

Als der junge Mann nicht reagiert, weil er kaum Deutsch versteht, nimmt der Polizist einen Gummiknüppel und stößt ihn dem Teenager in die Seite. Ob er Deutsch könne, interessiere ihn nicht, sagt der Polizist: "Ich werde dir garantieren, dass du das letzte Mal in Österreich bist".

Während der Sohn schließlich gehen kann, müssen die Eltern auf das Wachzimmer mitkommen. Dort wird der Slowake von den Beamten bald in ein kleines Zimmer gebracht und muss sich hinknien. Der Polizist, der laut T.s Angaben Stefan heißen soll, beginnt dann mit den Misshandlungen, beschreibt der Mann.

Hämische Fragen

Zunächst deutet der Beamte mehrere Schläge an, indem er ihm mit der Faust droht, wobei ein weiterer Polizist geholfen haben soll. "Hast Du Angst, du dreckiger Zigeuner?", soll er dabei gefragt haben. Schließlich muss sich Herr T. nackt ausziehen und von dem Beamten bedrohen lassen.

Nachdem er noch mehrmals mit der Faust in den Bauch gestoßen worden sein soll, darf sich der Slowake wieder anziehen. Und erfährt, dass er 168 Euro Strafe zahlen muss. Für acht Organstrafverfügungen, zwei für seine Frau und jeweils drei für seinen Sohn und sich. Rauchverbotsübertretung, Lärmbelästigung, Ordnungsstörung und Anstandsverletzung. Alle Strafmandate sind mit 12:55 Uhr datiert. "Wie kann das in einem Rechtsstaat passieren", fragt er sich nun.

Mit dem Fall beschäftigt sich seit vergangener Woche auch die Anti-Rassismusstelle Zara. "Es werden wenige derartige Fälle von Roma gemeldet", sagt Stefan Radinger von Zara. Nicht mehr als drei von 606 Meldungen habe man 2007 von Roma dokumentiert. Der Grund: Roma sind in eigenen Vereinen organisiert. Riki Parzer, Sozialarbeiterin bei Augustin, sagt: "Die meisten schweigen, wenn ihnen so etwas passiert".

Zara informiert den Menschenrechtskoordinator der Polizei, der dem Vorfall nachgeht. Mittlerweile sind auch höhere Stellen informiert: "Wir kennen den Fall und prüfen ihn derzeit genau", verspricht der amtsführende Landespolizeikommandant Karl Mahrer zum Standard. Die internen Ermittler vom "Büro für besondere Ermittlungen" seien an der Arbeit. Allerdings: "Der Beschwerdeführer ist für uns derzeit nicht erreichbar, was es schwieriger macht." Sollten die Vorwürfe aber stimmen, ist er für hartes Durchgreifen. "Eine Menschenrechtsverletzung kann nicht toleriert werden."

Sozialer Brennpunkt

Der Karlsplatz ist ein sozialer Brennpunkt der Stadt, der auch Drogenabhängige und Unterstandslose anzieht. Die dortige Polizeiinspektion stand bereits öfter im Zentrum der Aufmerksamkeit. Einerseits klagen die Beamten über extrem harte Arbeitsbedingungen, etwa die Angst vor Attacken durch Berauschte. Andererseits galt die Inspektion polizeiintern lange als "Strafkolonie", in die "problematische" Beamte transferiert werden. (Marijana Miljkovic, Michael Möseneder, DER STANDARD Printausgabe, 19.11.2008)

  • Verkäufer der Straßenzeitung "Augustin" sind für manche Feindbilder.
Ein slowakischer Kolporteur erhebt nun Vorwürfe gegen einen Polizisten
auf dem Wiener Karlsplatz.
    foto: standard/cremer

    Verkäufer der Straßenzeitung "Augustin" sind für manche Feindbilder. Ein slowakischer Kolporteur erhebt nun Vorwürfe gegen einen Polizisten auf dem Wiener Karlsplatz.

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