"Niemand schließt eine Rückkehr Putins aus"

18. November 2008, 18:29
14 Postings

Publizist Juri Poljakow im STANDARD-Interview über Verlängerung der Präsidenten-Amtszeit: "Abfolge der Wahlen war bisher zu schnell"

Der prominente russische Schriftsteller und Publizist Juri Poljakow nahm am Dienstag in Wien an einer Debatte über europäische Werte teil. Josef Kirchengast sprach mit ihm über Russlands Zukunft.

*****

STANDARD: Russland ist weder westlich noch östlich, Russland ist etwas Eigenes, heißt es immer wieder von russischer Seite. Was ist das Besondere an der russischen Seele?

Poljakow: Vor allem ist Russland ein Vielvölkerstaat und auch ein multikonfessioneller Staat. Womit Europa jetzt konfrontiert ist - dass Menschen aus arabischen Staaten, aus der Türkei, aus Afrika beginnen, eine Rolle zu spielen -, das hatte Russland schon während seiner gesamten geschichtlichen Entwicklung. Deshalb ist die russische Gesellschaft vielleicht synthetischer. Zugleich herrschen in den verschiedenen Regionen auch unterschiedliche Einstellungen.

STANDARD: Nun scheint Präsident Dmitri Medwedew in Fragen der Demokratie und des Rechtsstaates eine etwas andere Haltung einzunehmen als sein Vorgänger Wladimir Putin: Er betont immer wieder, wie wichtig es sei, den Rechtsstaat durchzusetzen, die Korruption zu bekämpfen und die Bürgerrechte zu stärken. Bedeutet das eine stärkere Orientierung an der westlichen Demokratie?

Poljakow: Das ist ein Prozess. Medwedew ist in einer anderen Phase an die Spitze des Landes gekommen. Niemand im Westen stellt sich vor, dass in Russland der Beginn der Zivilgesellschaft (nach dem Ende der Sowjetunion 1991, Red.) mit der Phase des wilden Kapitalismus zusammenfiel. Die Pressefreiheit und das Wahlsystem wurden in der Zeit von Präsident Boris Jelzin etabliert, einer Zeit, die sich wenig unterschied vom Chicago der 1920er-Jahre. Das Verdienst Putins besteht darin, dass er die Entwicklung der Marktwirtschaft in eine rechtsstaatliche Form gebracht hat. Das war sehr schwierig.

STANDARD: Wie hat sich das auf die Medien ausgewirkt?

Poljakow: Viele Journalisten kamen nicht im Kampf für die Freiheit des Wortes um, sondern weil sie im wilden Kapitalismus mitmischen und Geld verdienen wollten.

STANDARD: Auf Anna Politkowskaja (der Mord an ihr wird derzeit vor einem Moskauer Militärgericht verhandelt) trifft das wohl nicht zu.

Poljakow: Ich kannte Anna Politkowskaja persönlich und möchte vor dem Ende des Prozesses nichts dazu sagen. Es gab einen ähnlichen Fall, den Mord an der demokratischen Politikerin Galina Starowojtowa 1998 in St. Petersburg. Man vermutete ein politisches Verbrechen, bis sich herausstellte, dass es ein ganz banaler Mord war, bei dem es um Parteigelder ging.

STANDARD: Die Staatsduma wird voraussichtlich am Freitag die Amtszeit des Präsidenten definitiv von vier auf sechs Jahre verlängern. Man vermutet, damit werde eine neuerliche, zwölfjährige Präsidentschaft Putins vorbereitet.

Poljakow: Sechs Jahre sind durchaus richtig, meine ich. Die Abfolge der Wahlen war bisher zu schnell. Und Putins Rückkehr ins Präsidentenamt ist tatsächlich wahrscheinlich. Er ist jung, erfahren, voller Lebenskraft. Niemand würde diese Wahrscheinlichkeit ausschließen - obwohl die russische Politik voll der Mystik ist. Wir sagen dazu: Sei's, wie's sei. (DER STANDARD, Printausgabe, 19.11.2008)

Zur Person
Juri Poljakow ist Schriftsteller und Chefredakteur der "Literaturnaja Gaseta" . Die größte Literaturzeitschrift Russlands wurde vor 179 Jahren von Alexander Puschkin gegründet.

  • Juri Poljakow
    foto: standard/kirchengast

    Juri Poljakow

Share if you care.