Würfeln wie die Wirklichkeit

18. November 2008, 18:38
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Am Donnerstag liest der ungarische Autor Péter Esterházy im Wiener Burgtheater aus seinem im Februar auf Deutsch erscheinenden Roman "Keine Kunst": Porträt des Schreibens als Spiel

Wien - "So war das". Dieser kurze Satz beendet in Péter Esterházys Roman Die Hilfsverben des Herzens eine Erzählung: die der Mutter, der Biografin ihres eigenen Lebens.

Doch war das so? Die erzählende Mutter ist tot. Die Trauer des Sohnes, ihre letzten Stunden, die Beerdigung, die Leere stehen im Zentrum des 1985 erschienenen Buches. Des Buches, in welchem mit einem Mal die Mutter zu erzählen beginnt, den Sohn auf das Totenbett legt und ihn, dem Bildnis einer Pietà gleich, betrauert, bevor sie selbst wieder ihre Rolle als Sterbende annimmt.

So war das. Bei Péter Esterházy heißt das meist: So war das vielleicht gar nicht. Schon die Veröffentlichung des Buches war ein wenig komplizierter. Mehrere Jahre lang, von 1981 bis 1985, veröffentlicht Esterházy eine Reihe von Prosawerken mit dem immer gleichen Untertitel: "Einführung in die Schöne Literatur". Diese Texte - einer von ihnen der Zwillingsroman Wer haftet für die Sicherheit der Lady? (1982) - bestehen ihrerseits aus verschiedenen Teilen, letzterer etwa aus den Romanen Daisy und Ágnes, zudem aus eingeschmuggelten Zitaten verschiedenster Autoren.

1986 verkehrt Esterházy die Titelei: Einführung in die Schöne Literatur avanciert zum Titel eines 900-Seiten-Buchs, in welchem die früheren Publikationen als Einzelteile wieder aufscheinen; die einstigen stolzen Titel waren zu Kapitelüberschriften degradiert. Darunter auch Die Hilfsverben des Herzens. So war das. So kann das gehen. Und anders auch.

Schon anfangs war die Form des Buches auffallend: Schwarzer Trauerrand umrahmte die Seiten, und die waren zweigeteilt. In der oberen Hälfte befand sich Péter Esterházys Text, in der unteren jene Autoren, deren Bücher er zu Hilfsverben des trauernden Herzens heranzog. Pascal, Tschechow, Borges, Handke.

Gattungen purzeln

Deutschsprachige Leser finden den Band seit wenigen Jahren in der Bibliothek Suhrkamp - oder als Kapitel in der 2006 auf deutsch publizierten Einführung in die Schöne Literatur - zwanzig Jahre nach ihrem Erscheinen in Ungarn. Das verspielte Vermengen der Text-, Handlungs- und Illusionsebenen kennzeichnet Péter Esterházys Schreiben seit seinem ersten großen Roman, mit dem er 1979 erstmals eine größere Öffentlichkeit erreichte: Der Produktionsroman verbindet einen "Roman", der sich als Parodie auf Werke des staatlich verordneten sozialistischen Realismus lesen lässt, mit einem dreifach längeren Kommentar-Apparat. Dort kullern die verschiedensten Gattungen, vom Hollywood-Drama über das Kindermärchen bis zum feuilletonistischen Essay, bunt durcheinander. Die Literatur: ein Baukasten-Vorrat, aus dem sich zu bedienen mitunter große Freude bereitet.

Im Jahr 2000 erschien mit Harmonia Caelestis das zweite 900-Seiten-Werk Esterházys, jenes Buch, das ihm international zahlreiche Preise eintrug. Eine nicht weniger fiktional verschachtelte Chronik seiner Familie: Die Esterházys zählten vor ihrer Enteignung im kommunistischen Ungarn 1948 jahrhundertelang zu den mächtigsten Familien des Königreichs. Schon der Titel bezieht sich auf ein Gesangsbuch aus dem 18. Jahrhundert, das ein Herzog Esterházy veröffentlicht haben soll. Dass es nicht wirklich aus seiner Feder stammt, scheinen jüngere Nachforschungen zu erweisen.

Zu einem düsteren Nachtrag auf die Geschichte der Väter sah sich Péter Esterházy veranlasst. Zeitgleich mit der Veröffentlichung von Harmonia Caelestis erfuhr er, dass sein Vater 23 Jahre lang als inoffizieller Mitarbeiter der ungarischen Geheimpolizei gearbeitet hatte. Abschriften aus den Protokollen seines Vaters und eigene Kommentare veröffentlichte er 2002. Ein Jahr später erschienen sie auf Deutsch unter dem Titel Verbesserte Ausgabe.

So war das. Und noch mehr. 1985 hatte er in Hilfsverben des Herzens bemerkt: "Später werde ich über das alles genauer schreiben." Im Februar 2009 soll das Versprechen eingelöst werden - dann erscheint der Roman Keine Kunst.

Schon am Donnerstag (20 Uhr) liest Péter Esterházy aus dem noch unveröffentlichten Roman im Wiener Burgtheater. Gert Voss ergänzt den Abend mit einer Lesung aus Hilfsverben des Herzens. (Cornelia Niedermeier/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19. 11. 2008)

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    Hierarchien sind auflös- und austauschbar. Im Leben wie im Schreiben. Was heute noch ein Roman zu sein behauptet, fügt sich morgen vielleicht als Kapitel ins nächste Buch von Péter Esterházy.

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