Geistesblitz: Mondsüchtige Würmer

18. November 2008, 18:53
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Die Biologin Kristin Tessmar-Raible erforscht den Einfluss des Mondes auf die Fortpflanzung des Borstenwurms Platynereis dumerili

Dem Mond wird von jeher eine enge Beziehung zur menschlichen Fortpflanzungstätigkeit zugeschrieben - ob zu Recht oder nicht, ist umstritten. Für den marinen Borstenwurm Platynereis dumerili, mit dem sich START-Preisträgerin Kristin Tessmar-Raible an den Wiener Max F. Perutz Laboratories beschäftigt, ist er tatsächlich ein sexueller Auslöser: Massen der kleinen Würmer paaren sich bei Neumond an der Meeresoberfläche, indem sie Eier und Spermien ins freie Wasser abgeben. Das tun sie nur einmal im Leben, danach sterben sie. Dass sie alle gleichzeitig geschlechtsreif werden, liegt am Mond, dessen Licht ihr nötiger Zeitgeber ist.

Um den Einfluss des Erdtrabanten im Detail zu untersuchen, hält Tessmar-Raible ihre Würmer im Keller der Max F. Perutz Laboratories unter verschiedenen Licht-Regimen: In durchsichtigen Behältern lebt eine Gruppe unter quasi-natürlichen Verhältnissen im Licht einer Gartenlampe, die vorübergehend den Mond simuliert (ein computergesteuertes System ist im Bau), während andere Exemplare in geschlossenen Boxen Licht mit verschiedener Wellenlänge und mit unterschiedlicher Dauer ausgesetzt sind. So soll sich herausstellen, welche Eigenschaft des Mondlichts für das Fortpflanzungsverhalten der Tiere von Bedeutung ist.

Schon als Kind hatte die heute 31-Jährige ein Faible für Biologie, das sich unter anderem darin Luft machte, dass sie im elterlichen Haus in Görlitz (damals DDR) Kellerasseln züchtete. "Die liefen dann auch schon mal über Mutters Flur" , erinnert sie sich lachend. Ihre Eltern (die Mutter ist Ärztin, der Vater Physiker) trugen das Ungeziefer mit Fassung und unterstützen das wissenschaftliche Interesse daran. Mit 15 Jahren entschloss sich Kristin Tessmar, der Biologie den Vorzug vor Geschichte und Politikwissenschaften zu geben - und die mittlerweile erfolgte Wende erlaubte es ihr, zum Studium nach Heidelberg zu gehen.

Nach zwei Jahren an der dortigen Uni wurde es "Zeit für ein bisschen was Angewandtes" : An der Bostoner Harvard Medical School beschäftigte sie sich ein Jahr lang mit dem Nervensystem eines anderen Wurmes, Caenorhabditis elegans, einem Modellorganismus der Biologie. Von da an war ihr klar, dass sie thematisch beim Nervensystem bleiben wollte. Ihre Diplomarbeit in Heidelberg schrieb sie über Augenentwicklung und ihre Dissertation an der Universität Marburg über die Evolution von Lichtsinnesorganen und hormonell aktiven Zellen. Teilweise benutzte sie dafür schon Platynereis dumerili. Bei der folgenden Postdoc-Stelle am Europäischen Molekularbiologischen Labor in Heidelberg vertiefte sie dann ihre Arbeit an diesem Borstenwurm, dem sie sich seit Juli auch in Wien widmet.

Mit ihr nach Wien gekommen sind ihr Mann, der ebenfalls an die Max F. Perutz Laboratories berufen wurde, und ihre anderthalbjährige Tochter. Warum Wien? "Es gab ein sehr attraktives Angebot und man spürt, dass sich an dem Institut was bewegt." Und "das Tolle an der österreichischen Forschung" , streut sie einer geprügelten Sparte Rosen, "ist, dass Leistungen anerkannt werden und die Leute auch interessieren." (Susanne Strnadl/DER STANDARD, Printausgabe, 19.11.2008)

  • Die Molekularbiologin Tessmar-Raible testet das Zusammenspiel von Licht und Organismus.
    foto: mfpl

    Die Molekularbiologin Tessmar-Raible testet das Zusammenspiel von Licht und Organismus.

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