Ivanschitz: "Es geht drunter und drüber"

18. November 2008, 17:53
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Im österreichischen Fußballteam wurde schon mehr gelacht. Das Türkei-Match ist ernst. Der Kapitän gesteht Spannungen ein

Wien - Es ist ein hartnäckiges Vorurteil, dass Profifußballer ein Lotterleben führen und höchstens aufgrund des Überangebots an Freizeit zu Depressionen neigen. Die Kicker der österreichischen Nationalmannschaft widerlegen diesen Blödsinn seit Monaten. Okay, am Hungertuch nagen maximal jene, die in Island investiert haben. Unter Depressionen leiden sie aber. Die Ursachen sind freilich im Unterangebot an Erfolgen zu suchen.

Dass der Verband nur einen interimistischen Präsidenten vorweisen kann, und dieser, nämlich Kurt Ehrenberger, am Dienstag im Quartier gesagt hat, dass das Match am Mittwoch gegen die Türkei bedeutend ist, fällt unter die beliebte Rubrik: "Auch schon egal." Es klingt banal, wenn Teamchef Karel Brückner sagt: "Wir wollen eine bessere Leistung und ein besseres Ergebnis als gegen Serbien erzielen." Aber er hat natürlich vollkommen recht, wobei das Einfache äußerst kompliziert ist. Ein 1:3 ist also unerwünscht, ein 1:2 würde Brückner auch nicht restlos begeistern. Er schwärmt von der Türkei, die in der Lage sei, Pressing zu betreiben. "Kollege Fatih Terim kann auf lauter gute Fußballer zurückgreifen, keine Frage." Eine österreichische Antwort ist trotzdem vonnöten. "Wir brauchen eine gute Abwehr, dürfen nicht platonisch in der Angriffsphase sein, sondern müssen in die Zweikämpfe gehen. Jeder muss 120 Prozent bringen."

Andreas Ivanschitz ist quasi verdammt, vor Länderspielen öffentlich zu werden. Selbst schuld, er hätte ja die Kapitänsbinde abgeben können. Gewöhnlich erzählt er von der guten Stimmung im Team, über Tugenden wie Kampfgeist und Willen, die man auspacken werde. Dass der Gegner Favorit sei (ausgenommen Färöer), man aber alles geben werde, um zu gewinnen. Denn der Ball sei immer rund. Diesmal wurde Ivanschitz konkreter: "Es geht drunter und drüber. Wir machen uns viele Gedanken, es gibt Dinge, die man geradebiegen muss. Wenn es sportlich passt, werden interne Probleme leichter beseitigt." Es sei vielleicht unklug gewesen, Kritik an der anstrengenden Färöer-Reise zu äußern. "Das gehört eher intern angesprochen." Extern sagte er: "Es ist schade, dass Konditionstrainer Roger Spry zu wenig eingebunden wird. Aber das soll sich ändern."

Ivanschitz wurde zuletzt von Panathinaikos kaum eingebunden, er gehörte nicht einmal mehr dem Kader an. "So eine Situation ist völlig neu für mich." Gegen die Türkei sei jedenfalls Wiedergutmachung angesagt: "Wir müssen Biss und Aggressivität reinbringen."
Es ist natürlich nicht so, dass Brückner ausschließlich auf Frustrierte zurückgreifen muss. Es gibt Gutaufgelegte, von der Vergangenheit Unbelastete. Rubin Oktie und wahrscheinlich auch Marko Stankovic werden debütieren. Weil sie bei der Austria bzw. bei Sturm positiv aufgefallen und weil Marc Janko und Stefan Maierhofer verletzt sind. Michael Gspurning darf zum ersten Mal das nationale Tor hüten.

Der Mann hinterlässt einen gefestigten Eindruck, verzichtet auf langweilige Sätze wie "Ein Traum geht für mich in Erfüllung." Der 27-jährige Grazer hat einen interessanten Weg eingeschlagen. Bei Pasching ist er an Josef Schicklgruber nicht vorbeigekommen. "Vielleicht habe ich meine Ansprüche nicht klar genug formuliert." Vor knapp zwei Jahren ist er nach Griechenland zu Xanthi gewechselt. Zuletzt hat Gspurning in zehn Partie nur zwei Gegentore kassiert. "Ich wurde im Ausland ein neuer Mensch. Meine Stärken? Schauen Sie mir zu, beurteilen Sie selbst."  Im Happel-Stadion werden Späher europäischer Spitzenklubs erwartet. Ivanschitz: "Die Türken sind sicher nicht uninteressant." (Christian Hackl - DER STANDARD PRINTAUSGABE - 19.11. 2008)

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    Michael Gspurning hat bereits im Februar ein Fax vom ÖFB bekommen, in dem prinzipielles Interesse bekundet wurde. Am19. November wird es für den 1,95 Meter langen Goalie tatsächlich interessant.

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