Piraterie läuft "wie geölt"

18. November 2008, 17:39
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US-Militär verfolgt die Route des entführten Tankers, will aber nicht eingreifen - US-Marineadmiral: "Die sind wirklich gut"

Die Besatzung an Bord der "Sirius Star" sah der Fahrt durch den Indischen Ozean - wegen der anhaltenden Überfälle somalischer Piraten die derzeit gefährlichste Schifffahrtsroute der Welt- vermutlich mit Gelassenheit entgegen: Der 330 Meter lange Riesentanker, eines der größten Schiffe der Welt, war erst vor einigen Monaten vom Stapel gelaufen. Obwohl der Tanker mit voller Ladung tief im Wasser lag, befand sich die Reling immer noch so weit über dem Meeresspiegel wie ein mittleres Hochhaus.

Noch nie war ein Schiff dieser Größe Opfer von Piraten geworden. Doch mehr als 1000 Kilometer von Somalias Küste entfernt machten somalische Piraten mit der "Sirius Star" den Fang ihres Lebens: An Bord befinden sich zwei Millionen Barrel Öl, geschätzter Wert: mehr als 70 Millionen Euro. "Die haben den Jackpot geknackt", sagt Andrew Mwangura von Kenias "Seafarer Association", der die Piratenüberfälle vor Somalias Küste aufmerksam beobachtet.

Ausweichroute übers Kap

Selbst der ranghöchste US-Militär in der Region, Marineadmiral Mike Mullen, ist beeindruckt: "Die sind wirklich gut", so Mullen. "Gut bewaffnet und taktisch geschickt." Vermutlich von einem ebenfalls gekaperten, nigerianischen Frachter aus gelang es den Piraten, an Bord des monströsen Tankers zu kommen. "Und wenn die erst mal drauf sind, kann man nichts mehr tun - dann haben sie die Geiseln in ihrer Gewalt." Die 25 Besatzungsmitglieder stammen nach Angaben der saudischen Eigner aus Großbritannien, Kroatien, Polen, den Philippinen und Saudi-Arabien. Das US-Militär verfolgte den Weg der "Sirius Star" an der nordsomalischen Küste am Dienstag zwar, ein militärisches Eingreifen werde aber nicht in Erwägung gezogen, so ein Armeesprecher des US-Stützpunktes in Dschibuti.

Doch es scheint kaum vorstellbar, dass die USA die neue Dimension der Piraterie vor Somalia einfach hinnehmen werden. Nicht nur, weil das Öl an Bord der "Sirius Star" für die USA bestimmt war. Die anhaltenden Überfälle auf einer der bedeutendsten Schiffahrtsrouten der Welt, auf der jährlich 20.000 Schiffe zwischen Asien, Europa und den USA unterwegs sind, gefährden das Rückgrat der Weltwirtschaft. Derzeit befinden sich ein Dutzend Schiffe und 250 Besatzungsmitglieder in der Hand von somalischen Piraten. Nach dem Überfall auf die "Sirius Star" gilt es als wahrscheinlicher, dass große Reedereien die Alternativroute um das "Kap der guten Hoffnung" einschlagen. Das würde jedoch drei Wochen mehr Reisezeit und damit eine Verteuerung so gut wie aller Importgüter bedeuten.

Selbst drei Kriegsschiffe unter Nato-Befehl, denen im Dezember eine EU- Mission folgen soll, haben bisher das Geschäft mit der Piraterie nicht stoppen können. Zu groß ist die Anziehungskraft der "Boombranche" in Somalia, das seit 1991 keine Regierung, keine Polizei und auch keine Küstenwache mehr hat. Kein anderes Geschäft ist derzeit so lukrativ, und die Gefahr schreckt im bürgerkriegsgeschüttelten Somalia niemanden ab.

Auf 50 Mio. Dollar Lösegeld wird das Geschäft in diesem Jahr geschätzt. Die Piraterie hat auch einen politischen Hintergrund. Jedes Lager verdient am Millionengeschäft mit: Die Islamisten, die in den vergangenen Monaten fast ganz Somalia erobert haben, sowie die Übergangsregierung unter Präsident Abdullahi Yusuf. Zudem haben die Millionen aus den Lösegeldern eine neue, dritte Kraft aufgebaut, deren politische Zugehörigkeit vorerst noch unklar ist. (Marc Engelhardt aus Nairobi/DER STANDARD, Printausgabe, 19.11.2008)

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    Die "Sirius Star" auf einem Archivbild im Hafen von Rotterdam

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