Die Leere der Meere

18. November 2008, 18:46
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Die Überfischung der Küstenmeere hat oft unerwartete Folgen: Weniger Schildkröten können etwa zum Absterben riesiger Seegrasflächen führen, was auch den Fischen schadet

Noch vor etwas mehr als hundert Jahren konnte man an der Küste Nordostaustraliens kilometerlangen Züge von Zehntausenden von Seekühen, genauer gesagt: Dugongs beobachten. Heute bewegen sich die Zahlen dieser friedfertigen, wohlschmeckenden und stark ölhältigen Meeressäuger weltweit irgendwo im fünfstelligen Bereich. Und sie sind bei weitem nicht die einzige Art, der unsere fast oder ganz den Garaus gemacht hat.

Vielmehr befinden wir uns mitten in einem Massenaussterben, das zwar schon vor rund 100.000 Jahren begonnen hat, sich seitdem dank heftiger menschlicher Mitwirkung aber rapide beschleunigt. Von der Klimaerwärmung einmal absehen wollen, beeinflusst unsere Spezies die Geschicke der anderen Arten massiv, allem voran im Meer. Laut einer neuen US-amerikanischen Studie (PNAS, Bd. 105, S. 11458) ist der wichtigste Faktor für den Verlust von Artenvielfalt in Küstengebieten Überfischung - und zwar nicht erst seit dem Beginn der Industrialisierung.

Seit Beginn der Fischerei sind wir Menschen bevorzugt auf einige wenige, meist große Arten aus. Fallen diese aus, wird ihre Rolle im Ökosystem in vielen Fällen von anderen Arten übernommen. Diese rücken ihrerseits auf unseren Speisezettel vor, wenn die ursprüngliche Art zu selten geworden ist. Das hat weitreichende und oft überraschende ökologische Folgen.

Früh vom Aussterben bedroht

Die riesigen Populationen der Suppenschildkröte etwa wurden so eifrig bejagt, dass die Art in Nordamerika bereits Ende des 19. Jahrhunderts vom Aussterben bedroht war. Mittlerweile steht sie unter Schutz, ist aber nach wie vor stark gefährdet. Suppenschildkröten fressen - wie Seekühe übrigens - fast ausschließlich Seegras, das in Küstengebieten riesige Wiesen bildet, die vielen Fischen als Laichgebiet und Zuflucht dienen.

Mit dem Rückgang der Schildkröten und der fehlenden Beweidung werden die Halme des Seegrases viel länger. Dadurch wird der Meeresboden stärker beschattet, was dazu führt, dass sich das Seegras zersetzt. Letztlich dürfte also der Grund für das Absterben großer Seegrasflächen auch bei den fehlenden Schildkröten zu suchen sein.

Verhältnismäßig kleine Ursachen können oft große Wirkung haben - manchmal auch zum Guten: Eine massive Gefährdung für Meeresschildkröten stellen mit Ködern versehene Haken dar, die neben Tunfisch und Goldmakrele auch anderen Bewohnern des Meeres zum Verhängnis werden. Weltweit wird dieser sogenannte Beifang auf 30 Millionen Tonnen jährlich geschätzt, darunter 250.000 Schildkröten.

Seit 2003 testen deshalb die Inter-American Tropical Tuna Commission und der World Wide Fund for Nature (WWF) in Zusammenarbeit mit lokalen Fischern im Ostpazifik einen neuen, Schildkröten-freundlichen Rundhaken - mit sensationellen Ergebnissen: Der Beifang an Schildkröten lässt sich damit nicht nur um bis zu 90 Prozent reduzieren, beim Tunfischfang ist sogar der Ertrag höher. (Susanne Strnadl/DER STANDARD, Printausgabe, 19.11.2008)

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    Kleine Ursache, große Wirkung: Eine neue Angelhakenform kann Schildkröten das Leben retten.

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