Im Wilden Westen zwischen Kunst und Dienstleistung

18. November 2008, 17:15
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Nach wie vor schlechte Honorare trüben die Literaturübertragung: Ein Besuch bei der Übersetzergemeinschaft

Wien - Seit mehreren Jahren schwelt der Streit der deutschen Übersetzer mit ihren Verlagen darüber, was unter einer "angemessene Vergütung" ihrer Arbeit verstanden werden soll; nun hat der VdÜ (Verband deutschsprachiger Übersetzer) im Herbst den jüngsten Entwurf einer Kollektivregelung abgelehnt, die von einer von Random House dominierten Verlegergruppe formuliert worden war.

Die Übersetzer, die in einer finanziellen wie rechtlichen Nebelzone arbeiten, sind gut organisiert. Auch hierzulande: Im Wiener Literaturhaus in der Zieglergasse trifft man auch auf die Österreichische Übersetzergemeinschaft (ÖÜG), eine Vereinigung, die von Brigitte Rapp geleitet wird, mit dem Ziel, Kollegen mit Beratung zu unterstützen. Als die Gemeinschaft vor zwanzig Jahren gegründet wurde, "herrschten teilweise Wildwestverhältnisse", erzählt Rapp. Über die Vertragsablehnung in Deutschland ist sie "sehr froh". "Wir arbeiten natürlich viel für deutsche Verlage", sagt die Übersetzerin Jacqueline Csuss. "Vom Kollektivvertragsvorschlag hätten nur Einzelne profitiert." Dabei geht es, in Deutschland wie in Österreich, um die Absicherung eines Berufsstandes: Bei durchschnittlichen Honoraren von 17 bis 18 Euro pro Normseite kann man von der Belletristikübersetzung schwer leben.

21 Euro empfiehlt die ÖÜG als Richtwert. Zu ihren Forderungen zählen außerdem angemessenere Recherchezulagen und nicht zuletzt Nebenrechte, die die Verlage den Übersetzern nur ungerne einräumen. Das Problem dabei beschreibt Csuss: "Wir bewegen uns zwischen Kunst und Dienstleistung. Einerseits wollen wir für die Übersetzungsaufträge, die wir bekommen, ein Honorar haben, andererseits leisten wir eigenschöpferische Arbeit. Wir sind Autoren!" Das Dilemma habe, erzählt Rapp, eine längere Geschichte: Nach dem Weltkrieg wurde Übersetzungsarbeit häufig von Frauen geleistet, die finanziell - durch ihre Männer - abgesichert waren. Viele von ihnen hätten wenig oder nichts dafür bezahlt bekommen. Übersetzen blieb bis heute ein "klassischer" Frauenberuf.

Perfekte Spracharbeit


Zwar gebe es in den letzten Jahren durchaus die Tendenz gesteigerter medialer Aufmerksamkeit für die Übersetzertätigkeit. Bei den Honoraren wirkt sich diese Wertschätzung allerdings nach wie vor nicht aus. Rapp: "Es ist im Interesse der Verleger, dass wir im Hintergrund bleiben. Um die Literaturübersetzung sichtbar zu machen, ist sehr viel Arbeit notwendig." Immerhin: Für Urheberrechte gibt es zunehmend ein Bewusstsein - und eine klare Rechtsgrundlage. Die Übersetzergemeinschaft gibt das wichtige Branchenverzeichnis heraus und bietet Mitgliedern auch Rechtsschutz an: So konnte zuletzt etwa der ORF erfolgreich auf Namensnennung geklagt werden.
Rapp schlägt den Verlagen vor, Übersetzer zugleich als Scouts einzusetzen; denn Übersetzungsunternehmen scheitern oft daran, dass es keinen Zugang zu einem bestimmten literarischen Feld gibt.

Im Gespräch merkt man den Übersetzerinnen die Passion für ihre Arbeit an. "Was verschweigt die Sprache? Ich muss es wissen und kann es nur erlesen, indem ich die eigene Sprache perfekt beherrsche", sagt Csuss. Einblicke in diese Spracharbeit erlangt man bei den regelmäßigen Veranstaltungen der Übersetzer im Literaturhaus Wien. Bei "Die zweite Rache der Sprache" diskutieren Donnerstag (20 Uhr) Alain Lance und Sándor Tatár über "Ernst Jandl übersetzen" - ein Wagnis. (Isabella Hager/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19. 11. 2008)

 

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