"Das System muss lernen"

18. November 2008, 18:26
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Usability-Forscher Arjan Geven im STANDARD-Interview: Technologien müssen sensibel gestaltet werden

STANDARD: Welche Herausforderungen sehen Sie bei der Entwicklung von Technologien, die der älteren Generation das Alltagsleben erleichtern soll?

Geven: Man muss sich noch genauer als bei anderen Entwicklungsarbeiten anschauen, welche Bedürfnisse die Zielgruppe hat. Zum Beispiel die Unterstützung der kognitiven Leistung: In unserem EU-Projekt Hermes entwickeln wir mit mehreren internationalen Partnern einen Tisch, der eine Gedächtnisstütze sein soll. Die Eingabe von Erinnerungshilfen erfolgt unter anderem über ein integriertes Display mit Touchscreen.

STANDARD: Sind Sie sicher, dass Touchscreens immer leicht bedienbar sind für Ihre Zielgruppe, zumal sich oft auch die Motorik im Alter verschlechtert.

Geven: Stimmt. Starke motorische Probleme machen kleine Gesten nahezu unmöglich. Genau für diese Menschen entwickeln wir aber auch eine Spracheingabe, was eine weitere Herausforderung ist: Die Stimme der Generation der 60- bis 80-Jährigen muss vom Spracherkennungssystem erkannt werden. Jeder hat aber ein eigenes Stimmbild, und das ist in vielen Fällen nicht immer sehr klar und kräftig ausgeprägt, logisch, wenn man älter wird. Das heißt: das System muss lernen, wenn die Person spricht.

STANDARD: Aber es geht nicht nur um Unterstützung der schwächer werdenden Gedächtnisleistung. Es geht noch mehr um Sicherheit, das führt aber meist zu mehr Überwachung. Wie gehen Sie mit diesem Problem um?

Geven: Es ist klar, dass ältere Menschen mit Krankheiten und körperlichen Gebrechen ein hohes Sicherheitsbedürfnis haben. Bei Unfällen in den eigenen vier Wänden, nach denen man nicht mehr aufstehen kann, will man selbstverständlich sofort Hilfe. Die Frage ist nur, wie man dieses Hilfssystem in den Alltag integriert, ohne das Gefühl zu vermitteln, ständig überwacht zu werden. Das erscheint uns für die Zukunft ganz entscheidend.

STANDARD: Wie wollen Sie das Problem lösen?

Geven: In einem weiteren EU-Projekt namens CompanionAble entwickeln wir einen Roboter mit einem Bedienungsdisplay, der mit integrierten Systemen im Haushalt vernetzt ist. Ein Helfer und eine Erinnerungshilfe in einem. Als Überwachungssystem nimmt man ihn nicht wahr, daher hoffen wir, dass er akzeptiert wird. (Peter Illetschko/DER STANDARD, Printausgabe, 19.11.2008)

  • Zur PersonDer Holländer Arjan Geven (27) ist seit 2005 Mitarbeiter des Usability-Forschungszentrums Cure.
    foto: privat

    Zur Person
    Der Holländer Arjan Geven (27) ist seit 2005 Mitarbeiter des Usability-Forschungszentrums Cure.

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