Studie: Linke haben liberal-konservative Ansichten

18. November 2008, 16:57
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Ex-Parteichef Olejniczak: "Wir haben ein großes Problem"

Warschau - Der Staat solle sich nicht in die Wirtschaft einmischen und Homosexualität sei mit der menschlichen Natur unvereinbar - solche eher mit Liberalismus und Konservatismus assoziierte Ansichten vertritt laut einer Studie ein Großteil der Mitglieder der größten polnischen Linkspartei, des oppositionellen Bündnisses der Demokratischen Linken (SLD). "Wir haben ein großes Problem", kommentierte der Ex-Chef der SLD, Wojciech Olejniczak, die Ergebnisse einer Studie der Universitäten in Breslau und Brüssel gegenüber der "Gazeta Wyborcza".

Bei einer anonymen Befragung von über 1.500 SLD-Aktivisten stellte sich heraus, dass 70 Prozent gegen staatliche Eingriffe in die Wirtschaft sind. Fast die gleiche Zahl ist der Auffassung, dass das beste Mittel gegen Arbeitslosigkeit flexible Beschäftigungsformen sind, z. B. mehrere nacheinander folgende Arbeitsverträge von bestimmter Dauer statt eines Vertrags von unbestimmter Dauer. Jedes dritte SLD-Mitglied befürwortet eine Flat Tax. Kein Wunder, dass drei Viertel der Befragten für eine engere Zusammenarbeit mit der liberalen Partei plädiert.

Vorbild spanische Sozialisten

Bemerkenswert sind auch die Antworten der SLD-Aktivisten auf weltanschauliche Fragen. Die SLD stellt sich als Vorbild die spanischen Sozialisten vor, die sich in ihrem Land unter anderem für die Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehen einsetzten. Ein Drittel der SLD-Mitglieder ist der Auffassung, homosexuelle Beziehungen seien mit der menschlichen Natur unvereinbar, und fast die Hälfte widersetzt sich der Legalisierung von Homo-Ehen.

34 Prozent sind laut Umfrage gegen die Legalisierung der Sterbehilfe, 15 Prozent gegen Abtreibung aus sozialen Gründen und sogar 45 Prozent wünschen sich die Wiedereinführung der Todesstrafe. Jeder dritte Befragte ist gegen die Legalisierung weicher Drogen, und fast die Hälfte behauptet, dass die Schule vor allem Disziplin lehren soll. 64 Prozent der SLD-Mitglieder deklarierten sich als Gläubige und 72 Prozent sagten, dass sie die Kirche besuchen.

Olejniczak wundert sich nicht über die Ergebnisse der Studie. "Wir haben ein großes Problem, weil sich das bestätigte, was ich den Kollegen mehrmals wiederholte, aber niemand wollte es hören: Wir haben viele Fehler gemacht, in unserer Linksorientierung waren wir oberflächlich und hinterhältig. Das Ziehen der Schlussfolgerungen aus der Umfrage ist die größte Herausforderung für den neuen Parteivorsitzenden", kommentierte Olejniczak gegenüber der "Gazeta Wyborcza".

Der Sozialpsychologe Jaroslaw Klebaniuk, der bei der Vorbereitung der Studie mitmachte, ist der Auffassung, dass der Großteil der SLD-Aktivisten einen Platz in einer der Rechtsparteien finden könnte. "Wir sollen uns nicht wundern, dass die vom Namen zwar linke Partei als Interessensprecher weder des sozial-ökonomisch benachteiligten Teils der Gesellschaft noch der Fortschrittsmenschen betrachtet wird, die sich größere Humanisierung des Privat- und öffentlichen Lebens setzten", sagte Klebaniuk der "Gazeta Wyborcza".

Laut der Studie sind die Ansichten eines Großteils der SLD-Mitglieder mit der von Grzegorz Napieralski, der Ende Mai vom Parteikongress zum neuen Parteichef gewählt wurde, eingeleiteten Kursänderung. Die SLD forderte die Erstellung eines "Weißbuches", das die Beziehungen zwischen dem Staat und der katholischen Kirche in Polen unter die Lupe nehmen soll. Außerdem schlug die SLD zuletzt die Legalisierung von Ehen gleichgeschlechtlicher Paare und des Abtreibungsrechts sowie die Stärkung der Position der Gewerkschaften und die Durchsetzung eines arbeitnehmerfreundlicheren Arbeitsrechts vor.

Die SLD, die aus der kommunistischen Staatspartei PZPR hervorging, war in Polen mehrfach in der Regierung und stellte mit Aleksander Kwasniewski zehn Jahre lang den Präsidenten. Die Partei befindet sich seit der verlorenen Parlamentswahl im Jahr 2005 in einer tiefen Krise. Für den Niedergang der SLD waren zahlreiche Affären verantwortlich. Bei der letzten Parlamentswahl sammelte sie als Teil eines linken Wahlbündnisses nur 13 Prozent der Stimmen und verfügt jetzt nur über 42 Mandate im 460 Abgeordneten großen Unterhaus (Sejm). (APA)

 

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