Übernahmen an der Börse werden erst im Frühjahr attraktiv

18. November 2008, 17:11
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Gesetzlicher Mindestpreis derzeit weit über Aktienkurse

Im Zuge der Finanzkrise sind Firmenübernahmen trotz sinkender Aktienkurse ins Stocken geraten. Vertrauensverlust und mangelnde Liquidität im Markt machen Finanzinvestoren schwer zu schaffen. Das ermöglicht ein Comeback strategischer Investoren, die bisher nicht bereit waren, die von Finanzinvestoren getriebenen Kaufpreise für Unternehmen zu zahlen. Bei börsennotierten Unternehmen ist wegen des Übernahmerechts jedoch erst im kommenden Frühjahr mit einem Anstieg von Übernahmen zu rechnen.

Auf den ersten Blick erscheinen die an der Wiener Börse notierenden Unternehmen derzeit als attraktive Übernahmeziele: Seit August hat der Leitindex ATX45 Prozent an Wert verloren.
Das Übernahmegesetz (ÜbG) legt jedoch aus Gründen des Aktionärsschutzes zwingende Preisuntergrenzen für Übernahmeangebote fest: Der gesetzliche Mindestpreis, den ein Bieter in einem öffentlichen Übernahmeangebot bieten muss, darf weder den Preis, den der Bieter in den vergangenen zwölf Monaten vor dem Übernahmeangebot für den Erwerb von Aktien der Zielgesellschaft freiwillig bezahlt hat, noch den durchschnittlich gewichteten Börsenkurs der letzten sechs Monate der Zielgesellschaft unterschreiten.

Angesichts des starken Kursverfalls der vergangenen Wochen würde der derzeitige Mindestpreis unter Berücksichtigung des Sechs-Monats-Durchschnittskurses weit über dem aktuellen Börsenkurs liegen. Übernahmeangebote sind daher derzeit unattraktiv. Sollte das Kursniveau niedrig bleiben, wird sich dies im zweiten Quartal 2009 ändern, da ab diesem Zeitpunkt die Kurse vor Beginn der Talfahrt bei der Mindestpreisberechnung unberücksichtigt bleiben. Dies freilich unter der Voraussetzung, dass bis zu diesem Zeitpunkt die Finanzmärkte wieder liquid sind.

Wer die zwingenden Mindestpreise vermeiden will, kann sich auf eine Ausnahmebestimmung des ÜbG berufen, wenn das Zielunternehmen tatsächlich vor dem finanziellen Kollaps steht: Eine Übernahme zum Zweck der Sanierung unterliegt - sofern die Übernahmekommission nichts Gegenteiliges anordnet - keiner Angebotspflicht. Genau diese Ausnahmeregelung könnte bei der Übernahme der AUA durch die Lufthansa zur Anwendung gelangen. (Florian Khol, Thomas Berghammer, DER STANDARD, Printausgabe, 19.11.2008)

Dr. Florian Khol ist Partner, Dr. Thomas Berghammer LL.M. Rechtsanwaltsanwärter bei Binder Grösswang Rechtsanwälte.

vienna@bindergroesswang.at

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