Blue Mountain: "Midnight In Mississippi"

23. November 2008, 18:05
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Das einstige Aushängeschild der "No Depression"- und Americana-Szene meldet sich mit gleich zwei neuen Studio-Alben zurück

Mit dem Ende der Ehe kam vor sechs Jahren auch das Aus für die Band. Aber die Zeit ändert bekanntlich vieles, und so machen Cary Hudson und Laurie Stirratt als Blue Mountain zumindest in musikalischer Hinsicht wieder gemeinsame Sache. Die Band des Sängers, Gitarristen und Songwriters und seiner Bass spielenden Gefährtin gehörte seit ihrem meisterlichen zweiten Album "Dog Days" (1995) neben den Jayhawks, Whiskeytown und den Uncle-Tupelo-Ablegern Son Volt und Wilco zu den Aushängeschildern der Alt.Country- und Americana-Szene. Nicht von ungefähr fand sich die meist als Trio agierende Band am Cover der zweiten Ausgabe des nach einem Carter-Family-Song benannten "No Depression"-Magazins, das einem ganzen Sub-Genre den Namen geben sollte.

Dass sich Blue Mountain auch nach ihrer Spielpause noch immer auf einen gut im Saft stehenden, von Country-, Folk- und Soul-Spuren durchzogenen Gitarren-Rock verstehen, haben sie mir ihrem heuer erschienen Album "Omnibus" bewiesen, für das Hudson und Stirratt zusammen mit ihrem langjährigen Schlagzeuger Frank Coutch Highlights ihrer bisherigen Karriere neu eingespielt haben. In souveränen, leichtfüßigen Versionen. Nun folgt mit "Midnight In Mississippi" nach der geglückten Selbstvergewisserung ein Longplayer mit neuen Songs.

Groove Me

"I like the way you groove me, baby", singt Hudson im strahlenden Opener. Man kann diese Zeile der Band sofort als Kompliment zurückgeben. Die perlenden Gitarrenlicks, mit denen der Song angerissen wird, würden Soul-Gitarren-Gott Steve Cropper zur Ehre gereichen. Die kraftvoll federnde Rhythmusgruppe, Hudsons charmanter Gesang, die Harmony Vocals Stirratts und der gut gelaunte Text tun ein Übriges, dass hier die Sonne aufgeht.

Eine Stimmung ("I can fly so high by your side"), die sich im zweiten Song, dem einzigen Remake auf dem neuen Album, nahtlos fortsetzt. Hudson hat "By Your Side" schon 2002 auf seinem Solo-Debüt "The Phoenix" veröffentlicht. In der neuen Fassung klingt der Song luftiger, dabei nicht weniger zwingend. Ganz so euphorisch kann es natürlich nicht weitergehen. Dass sich Hudson auf melancholisches Storytelling versteht, beweist denn gleich der bittersüße "70's Song", komplett mit ganz und gar unpeinlichem Shalalala-Chor und einer singenden Slide-Gitarre.

Looking For A Gentle Soul

Es gehört zu den Stärken des neuen Albums, wie in der Folge alle Schattierungen zwischen Wehmut und Optimismus durchgespielt werden. Da gibt es dann jede Menge schön dahintreibender, mittelschneller Songs wie "She's A Wild One", "Emily Smiles", "Free State Of Jones" oder "Gentle Soul", mit eingängigen Melodien und Riffs, die nicht mehr aus dem Kopf zu bekommen sind. Oder auch folkig Angehauchtes wie das von Sommerstimmung durchwehte "Pretty Please", das zarte "Rainy Day" oder das im Duett gesungene "Butterfly", bei dem wieder Gitarrenlicks à la Cropper und Curtis Mayfield grüßen lassen.

Wie die genannten Saiten-Asse gehört Hudson selbst zur raren Familie jener Gitarristen, die ihr Können ganz und gar in den Dienst des Songs stellen und auf musikalische Ideen statt auf hohle Virtuosität setzen. Völlig zu Recht wird Hudson denn vom Gitarren-Riesen Gibson auf seiner Website unter den Top 10 der Alt.Country-Gitarristen geführt.

Midnight In Mississippi

Daran, dass Blue Mountain zu den rauesten der Bands der No-Depression-Szene gehörte, erinnert vor allem der atmosphärische Titelsong "Midnight In Mississippi", ein rechter Kracher mit ruppigen Gitarrenriffs und verzerrter Mundharmonika, der gekonnt die Südstaaten-Heimat der Band, die so viele Musikgrößen hervorgebracht hat, beschwört. Auch der "train rhythm" von "Free State Of Jones" und das schön kaputt dahin rumpelnde "Skinny Dipping" am Ende des Albums weisen Hudson, Coutch und Stirratt, ihres Zeichens übrigens Schwester des langjährigen Wilco-Bassisten, als ein Trio in einer Linie mit dem nie versiegenden musikalischen Strom des Mississippi-Deltas aus.

Nach dem Doppelschlag mit zwei neuen Studio-Alben - "Omnibus" sei als Karrierequerschnitt an dieser Stelle eindringlich empfohlen - ziehen Blue Mountain, von Anfang an als mitreißende Live-Band bekannt, auch wieder konzertmäßig durch die Lande. Im Hinblick auf die unabdingbare musikalische Achse aus Hudson und Stirratt bleibt den Beiden nur zu wünschen: Long May They Run! (Karl Gedlicka, derStandard.at, 23. November 2008)

  • Blue Mountain: "Midnight In Mississippi" (2008, Blue Rose/Hoanzl)
    foto: blue rose

    Blue Mountain: "Midnight In Mississippi" (2008, Blue Rose/Hoanzl)

  • Cary Hudson, Frank Coutch und Laurie Stirratt auf dem Cover des "Comeback"-Albums "Omnibus" (2008, Blue Rose/Hoanzl) mit Neueinspielungen von Highlights aus der bisherigen Band-Geschichte.
    foto: blue rose

    Cary Hudson, Frank Coutch und Laurie Stirratt auf dem Cover des "Comeback"-Albums "Omnibus" (2008, Blue Rose/Hoanzl) mit Neueinspielungen von Highlights aus der bisherigen Band-Geschichte.

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