Vizepremier: "Wir sind kein Exporteur von Problemen"

19. November 2008, 10:28
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Vizepremier Djelic erklärt im Gespräch mit derStandard.at, warum die neuen serbischen Reisepässe der Jugend seines Landes neue Perspektiven öffnen sollen

Am Rande einer Konferenz über die Integration von Migranten in den europäischen Arbeitsmarkt sitzt Bozidar Djelic im Pressefoyer eines Wiener Ringstraßenhotels und lächelt müde. Viel Zeit für die wartenden Journalisten hat er nicht. Eigentlich, sagt er, sei er ja wegen etwas ganz anderem hier. Er greift in die Innentasche seines dunkelgrauen Sakkos und holt zwei Reisepässe hervor. "Schauen Sie, die sind brandneu", sagt er und deutet auf das Biometrie-Symbol, das unterhalb des serbischen Wappens auf den knallrot glänzenden Ausweisen prangt.

"Wien gehört zu den ersten Städten weltweit, wo wir mit der Ausgabe der neuen Pässe beginnen." Schließlich, so der serbische Vizepremier und Minister für EU-Integration und Parteifreund von Präsident Boris Tadic, müsse sein Land "den Österreichern zeigen, dass sie von den Serben nichts zu befürchten haben - im Gegenteil." Und außerdem, beeilt sich der smarte Politiker mit Harvard-Diplom anzumerken, "ist Österreich mit knapp zwei Milliarden Euro der größte Direktinvestor in Serbien und beherbergt eine große serbische Gemeinde." Grund genug also, den Pass gerade in Wien vorzustellen.

Düstere Aussichten

Zwei Drittel der Studierenden an der Belgrader Universität haben Serbien ihr Leben lang noch nicht verlassen, die triste finanzielle Situation vieler junger Serben und das strenge Brüsseler Visaregime ergänzen sich nahtlos. 200 bis 300 Euro verdient ein Serbe im Durchschnitt pro Monat, jeder Dritte ist zwischen 15 und 35 Jahre alt, ein Drittel der Jungen arbeitslos. Düstere Aussichten für eine Gesellschaft im Umbruch, gibt Djelic im Gespräch mit derStandard.at zu: "Wir sind derzeit in der paradoxen Situation, dass unsere Jugend weniger Reisefreiheit genießt als die Generation ihrer Eltern." Die Situation sei mit der Zeit des kommunistischen Tito-Regimes nicht vergleichbar, weil die damals ausgestellten jugoslawischen Reisepässe visafreies Reisen nach Europa und in die USA ermöglichten. "Heute brauchen Serben ein Visum, wenn sie nach Bulgarien fahren wollen."

Zwei Monate

Djelic hat eine Anekdote parat, um die Dringlichkeit seines Anliegens zu verdeutlichen. "Ich bin letztens durch die Straßen von Belgrad spaziert und als ich an dem Konsulat eines EU-Landes vorbeimarschiere, kommt eine alte Frau auf mich zu und erzählt mir weinend von ihrem Problem. Ihr Cousin sei gestorben, in drei Tagen sei das Begräbnis. Und im Konsulat hat man der Frau einen Termin gegeben, an dem sie um das Visum ansuchen kann. In zwei Monaten!" So, glaubt der 43-Jährige, der früher als Bankmanager in Osteuropa gearbeitet hat und von 2001 bis 2004 Finanzminister war, könne man die Serben nicht für die Idee Europa gewinnen. "Wir setzen alle notwendigen Schritte, um unsere europäischen Partner davon zu überzeugen, den Visazwang für serbische Staatsbürger so schnell wie möglich aufzuheben."

Gratis-Visa und Nummerntaferl

Die bisherigen Erleichterungen, etwa Gratis-Visa für die Schengenländer, seien nicht genug, um Serbiens Jugend neue Perspektiven zu öffnen. An ihm solle es nicht liegen, sagt Djelic und lächelt. "Die neuen Pässe sollen der Welt zeigen, dass offene Grenzen keine Bedrohung sind und Serbien kein Exporteur von Problemen ist." Das moderne Reisedokument solle auch keine Einladung für junge Serben sein, das Land dauerhaft zu verlassen. "Im Gegenteil, unser Ziel muss sein, das Leben in Serbien attraktiver zu machen und gleichzeitig hoch qualifizierte Landsleute dazu zu bringen, zurück in die Heimat zu kommen und hier zu arbeiten." Zu diesem Zweck wolle seine Regierung auch die Grenzkontrollen schneller und effizienter gestalten, etwa mit IT-Systemen, die die Übergänge untereinander verlinken, oder mit neuen Kfz-Kennzeichen. "Wir wollen kein sicherer Hafen für Autodiebe in Europa sein", sagt Vizepremier Djelic.

Auf die Frage, ob auch Serben im Kosovo den neuen Hightech-Reisepass bekämen, bleibt Djelic kryptisch: "In den meisten Ländern wird es für Serben kein Problem sein, den neuen Pass zu bekommen. Natürlich gibt es auch Länder, wo das Verhältnis zu unseren Behörden schlechter ist. Dort bedarf es für Serben eines größeren Aufwands, ihn zu kriegen." (flon/derStandard.at, 19.11.2008)

  • Das ist er, der neue biometrische Reisepass für Serbinnen und Serben.
    foto: derstandard.at/flon

    Das ist er, der neue biometrische Reisepass für Serbinnen und Serben.

  • Die Oesterreichische Nationalbank veranstaltete eine Konferenz mit dem Titel "Conference on European Economic Integration", Djelic war einer der Stargäste.
    foto: derstandard.at/flon

    Die Oesterreichische Nationalbank veranstaltete eine Konferenz mit dem Titel "Conference on European Economic Integration", Djelic war einer der Stargäste.

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