"Manche Leute betreiben es wie eine Religion. Das ist ein großer Fehler"

18. November 2008, 17:06
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"Guardian"-Journalist Leo Hickman hat ein Jahr "ethisch korrekt" gelebt - Im derStandard.at- Interview spricht er über seine Erfahrungen

"Fahre ich besser mit dem Fahrrad oder mit dem Bus?", "Wie umweltverträglich ist ein Kombiboiler?" - Fragen wie diese sind das wöchentliche Geschäft von Leo Hickman. Der "Guardian"-Journalist löst in seiner Kolumne "Frag Leo" die "ethischen Dilemmata" seiner LeserInnen.

Er selbst hat sich der Herausforderung gestellt, "ein Jahr ethisch korrekt zu leben". Dieses Abenteuer dokumentiert der 36-jährige Brite in seinem Buch "Fast nackt" (Pendo Verlag) - abgebrochen hat er den Selbstversuch bis heute nicht.

Im derStandard.at-Interview erklärt er, warum er seinen Lesern nicht mit erhobenem Zeigefinger kommt, welche Fragen man sich über sein Essen stellen sollte und warum er sich ein Auto gekauft hat.

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derStandard.at: Mit welchem "ethischen Dilemma" sind Sie gerade beschäftigt?

Hickman: Privat mache ich mir gerade Gedanken darüber, wie ich mein Haus am besten heizen kann. In den vergangenen Tagen ist es ziemlich kalt geworden. In meiner "Guardian"-Kolumne habe ich mich mit einem ähnlichen Thema beschäftigt: Kombinierte Wasserboiler.

derStandard.at: Was beschäftigt die Leute am meisten, welche Fragen bekommen Sie am häufigsten?

Hickman: Recycling ist ein wichtiges Thema; auch Fragen zum Heizen und Autofahren werden immer wieder gestellt - und natürlich zum Essen. Heizen, Autofahren, Essen - das machen die Leute eben jeden Tag, dazu gibt es dann auch am meisten Fragen.

derStandard.at: Ist es denn überhaupt möglich, hundertprozentig ökologisch zu leben?

Hickman: Nein, das ist nicht möglich. Für niemanden. Egal, was man tut, es hat immer Auswirkungen auf die Umwelt. Es geht darum, sich diesen Auswirkungen bewusst zu werden und sie möglichst gering zu halten. Mit meiner Kolumne und meinen Büchern möchte ich die Leute darauf aufmerksam machen.

derStandard.at: Sie haben vor vier Jahren den Selbstversuch "ethisch korrekt leben" gestartet - was hat sich seither geändert?

Hickman: Dieses Thema ist viel präsenter geworden- zumindest in Großbritannien. Hier haben sich die Dinge sehr schnell geändert. Das sehe ich auch an den Leserbriefen, die mir die Leute schicken: Vor vier Jahren ging es hier noch darum, Basiswissen zu vermitteln. Heute sind die Fragen viel detaillierter - das Umweltbewusstsein viel größer.

derStandard.at: Ist es einfacher geworden, ein "ethisch korrektes Leben" zu führen?

Hickman: Ja. Ein Grund dafür ist, dass die soziale Akzeptanz dafür gestiegen ist: Man wird deswegen nicht mehr als Freak betrachtet. Auch von politischer und wirtschaftlicher Seite kommen Initiativen - das macht es leichter, davor musste man sich selbst helfen, war ganz auf sich alleine gestellt. Jetzt wird "ethisch korrekt leben" immer mehr zu einer Mainstream-Bewegung.
Aber natürlich ist noch lange nicht alles perfekt. Besonders schwierig ist es eine Balance zu finden zwischen dem, was man als Individuum tun kann und dem, was von der Regierung aus passieren muss.

derStandard.at: "Ethisch korrekt leben" klingt nicht besonders lustig: Nicht mit Flugzeugen fliegen, keinen Schiurlaub machen, kein Fastfood essen. Wie kann man Leute dafür begeistern?

Hickman: Das kann leicht zu einem puritanischen, calvinistischen Lebensstil ausarten - manche Leute betreiben das wie eine Religion. Ich glaube, das ist ein großer Fehler. Man muss seine Freiheiten haben, Spaß haben, reisen können.
Als ich darüber zu schreiben begann, war mein Fehler, mich mir selbst viel zu viele Regeln aufzustellen. Nach dem Motto: "Die darfst du nicht brechen." Aber darum geht es nicht. Man soll einfach darüber nachdenken, was man tun kann. Regeln sind dabei wenig hilfreich. Man kann nicht sagen: Du darfst nie wieder fliegen, du darfst kein Auto fahren oder kein Fleisch mehr essen. Die Leute mögen es nicht, wenn man ihnen sagt, was sie tun dürfen und was nicht. Wenn ich ständig mit dem erhobenen Zeigefinder drohen würde, würde kein Mensch mehr meine Kolumne oder meine Bücher lesen. Man darf nicht wie ein Lehrer oder ein Prediger wirken. Der Zugang zu meinem Selbstversuch war daher auch eher von Humor geprägt.

derStandard.at: Was können Sie als "leichten Einstieg" in ein "ethisch korrektes Leben" empfehlen?

Hickman: Essen - Das ist der beste Einstieg. Man muss das "System Essen" hinterfragen: Woher kommt es? Wer macht es und wie? Welchen Preis bekommt er dafür? Das spielt eine sehr wichtige Rolle, wir essen drei- bis fünfmal am Tag.
Abfall ist auch ein guter Zugang - wie vermeide ich Müll, wie kann ich recyceln?
Essen und Abfall sind auch deswegen gut geeignet, weil man sofort Erfolge feststellen kann.

derStandard.at: Was sind die frustrierenden Momente Ihres Jobs?

Hickman: Man will immer mehr tun, als man kannt. Irgendetwas schränkt immer ein: Geld, die Regierung, die Firma, die Familie.
Vergangenes Jahr bin ich aus London weggezogen nach Cornwall, wo ich aufgewachsen bin. In London war es einfach, auf ein Auto zu verzichten. Wir sind nur mit den öffentlichen Verkehrsmitteln gefahren. Hier ist das anders, ich wohne jetzt am Land. Der öffentliche Verkehr ist hier sehr schlecht ausgebaut. Ich musste also einen Schritt zurück machen und mir ein Auto kaufen. Das war eine sehr schwere Entscheidung für mich.

derStandard.at: Den Leserreaktionen nach zu urteilen war Ihr Buch "Fast nackt" für viele Menschen ein Inspiration, ihr Leben umweltverträglicher auszurichten. Was war ihre Inspiration?

Hickman: Ich hatte die drei Experten, die in mein Haus kamen und mein Leben nach ethischen und ökologischen Gesichtspunkten zerpflückten - das war die Inspiration, das Projekt wirklich zu starten. Aber die eigentliche Inspiration war Esme, meine Tochter, die damals noch ein Baby war. Wenn man Kinder hat, ist das ein Grund, sich mit dieser Thematik noch stärker auseinanderzusetzen. (nb, derStandard.at, 18.11.2008)

 

Leo Hickman hat zwei weitere Bücher geschrieben: "Und tschüss! Was wir anrichten, wenn's uns in die Ferne zieht" (Pendo Verlag; Originaltitel: "The Final Call: Investigating Who Really Pays for Our Holidays") und "A Good Life: The Guide to Ethical Living" (Eden Project Books), nur auf Englisch erschienen.

  • Leo Hickman:Fast nackt: Mein abenteuerlicher Versuch, ethisch korrekt zu leben. Verlag Pendo. (im Original: Life Stripped Bare: My Year Trying To Live Ethically)
 
 
 
    foto: verlag

    Leo Hickman:
    Fast nackt: Mein abenteuerlicher Versuch, ethisch korrekt zu leben. Verlag Pendo. (im Original: Life Stripped Bare: My Year Trying To Live Ethically)

     

     

     

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