Aufregung um Nestroy-Gala: Franzobel distanziert sich

19. November 2008, 15:22
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Vorwurf an Veranstalter: "Feigheit und Eitelkeit" - Moderationstext als Streitpunkt - Übertragung am Donnerstag live im Wetterkanal

Wien - Einen Tag vor der am Donnerstag im Wiener Ronacher stattfindenden Nestroy-Gala 2008 distanziert sich der mit dem Verfassen der Moderationstexte beauftragte Autor Franzobel von der Veranstaltung. Von seinem ursprünglichen Textbuch sei in der ihm gestern zur Kenntnis gebrachten von den Veranstaltern und der Moderatorin Maria Happel erstellten Endfassung "kaum noch fünf Prozent" übrig geblieben.

"Die Grundidee der Preisverleihung als Theaterstück ist verschwunden. Die Pointen, poetischen Bilder, ironischen Spitzen? Alles weg!", so der Autor in seiner schriftlichen Distanzierung, in der er den Verantwortlichen "Feigheit und Eitelkeit" vorwirft. Diese weisen Franzobels Vorwürfe zurück. Bereits im Vorjahr hatte Autor David Schalko Ähnliches beklagt und sein Buchcredit kurzfristig zurückgezogen.

"Große Schmiere"

Er habe "mit einigem Zeitaufwand (und im scheinbaren Einverständnis aller Beteiligten) ein humoriges, nachdenkliches, aber auch provozierendes Preisverleihungstheaterstück entwickelt", schreibt Franzobel in seinem "Große Schmiere" betitelten Statement. Davon werde allerdings "nichts zu sehen sein". "Ende August hat man mich gefragt, ob ich das Buch für diese Veranstaltung schreiben will. Nach den letztjährigen Querelen um David Schalko war ich skeptisch. Man hat mir aber zugesichert, dass ich keine Zensur zu befürchten hätte. Also willigte ich ein", so Franzobel, "Wer mein Schreiben auch nur etwas kennt, weiß, dass heischende Lobhudeleien von mir nicht zu erwarten sind, sondern man mit einem ironischen, vielleicht auch anarchischen Text voller Spitzen rechnen muss, der dem Theaterbetrieb humorig die Leviten liest."

"Auch Maria Happel, die ich als Schauspielerin verehre, schien damit sehr einverstanden", so Franzobel weiter. Die Moderation sei zwar immer für zwei Schauspieler gedacht gewesen, doch auch eine Solo-Moderation durch Maria Happel sei für ihn in Ordnung gewesen, und "die zweite Ebene, die sie für nötig hielt, um sich von manchen kritischen Textstellen zu distanzieren, habe ich ihr umgehend geschrieben. Alles schien in bester Ordnung."

Die ihm am Dienstag übermittelte Buchfassung sei jedoch "ein verängstigter, Speichelleckender und leider auch eitler Maria Happel Privatabend, der vor allem Angst hat, jemandem auf die kleine Zehe zu steigen. Wer das zu verantworten hat, weiß ich nicht." Er wisse aber, "dass ich mich von diesem Abend entschieden distanzieren muss. Für eine Behübschung mit meinem Namen stehe ich hier nicht zur Verfügung - auch auf die Gefahr hin, dass ich nach dieser Entgegnung in den nächsten zehn Jahren mit Sicherheit keinen Nestroy mehr erhalten werde. So darf man mit Texten nicht umspringen, das sind Metternich-Methoden." "Nach dieser leidlichen Erfahrung fürchte ich mich weniger vor der Wirtschaftskrise als vor der Feigheit mancher Kulturschaffenden", schließt Franzobel, "Und warum die Nestroy-Gesellschaft überhaupt Bücher in Auftrag gibt, wenn die dann doch nicht gespielt werden, bleibt mir ein Rätsel."

Verein "schockiert über Eskalation"

Werner Urbanek, der Obmann des den "Nestroy" organisierenden Vereins Wiener Theaterpreis zeigte sich "schockiert über diese Eskalation, die nicht zu erwarten war". Bereits im Vertragstext sei festgehalten worden, dass das im Auftrag gegebene Buch "kein Theaterstück, sondern eine möglichst intelligente Showvorlage" für eine Leistungsschau der österreichischen Theaterszene sein solle. Es sei klar gewesen, dass das von Franzobel abgelieferte Buch alleine vom Textvolumen viel zu umfangreich für die Veranstaltung gewesen sei und dass in der Moderation auch die Leistungen der Nominierten zu würdigen seien. Franzobel sei damit einverstanden gewesen, dass dies von Maria Happel selbst vorgenommen werden könne. Auch sei klar gewesen, dass sich Happel als Moderatorin den Text auch durch Kürzungen und Umschreibungen zu Eigen machen müsse.

"Die Gespräche sind immer auf sehr amikaler und freundschaftlicher Ebene verlaufen", so Urbanek. Man sei immer davon ausgegangen, dass die Änderungen der Moderation in enger Absprache zwischen Autor und Moderatorin stattfänden. Autor Franzobel sei allerdings nicht immer leicht erreichbar gewesen und habe aus Krankheitsgründen auch zu gemeinsamen Arbeitstreffen nicht erscheinen können, heißt es aus dem Verein.

Zum Ablauf der Gala

Im Wiener Ronacher werden zum bereits neunten Mal die "Nestroy"-Theaterpreise verliehen. Durch den um 20 Uhr beginnenden Abend führt im Alleingang Burgtheater-Mimin und "Nestroy"-Preisträgerin Maria Happel, übertragen wird die Gala live ab 20.15 Uhr auf TW1 (dem Spartenkanal mit Schwerpunkt Wetter), um drei Stunden zeitversetzt (ab 23 Uhr) ist die Preisverleihung in ORF 2 und am folgenden Sonntag (23. November) europaweit auf 3sat zu sehen (11.30 Uhr).

Einige der elf Preisträger stehen bereits fest, ebenso deren Laudatoren: Aus den Händen des ehemaligen "Spiegel"-Kulturchefs Matthias Matussek erhält Peter Zadek (82) am Donnerstag den Lebenswerk-Preis. Bereits zum dritten Mal wird Gert Jonke ("Freier Fall") mit dem Autorenpreis ausgezeichnet, Joachim Lux, Chefdramaturg des Burgtheaters und ab der nächsten Saison Intendant am Thalia Theater Hamburg sowie Herausgeber des jüngst erschienenen Jonke-Sammelbands "Alle Stücke", hält die Laudatio. Der Preis für die beste Off-Produktion geht heuer an Volker Schmidt für sein Schul-Amoklauf-Stück "komA" (New Space Company und Dschungel Wien), an dem er noch gemeinsam mit dem verstorbenen Regisseur Georg Staudacher arbeitete. Überreicht wird die Auszeichnung vom Wiener Theatermacher Markus Kupferblum.

Wo das Rennen noch offen ist

Spannend bleibt es in jenen acht Kategorien, in denen eine Kritikerjury je drei Nominierungen getätigt hat. Der Preisträger für die beste deutschsprachige Aufführung steht zwar schon fest, wird aber erst bei der Verleihung bekanntgegeben. Aus Österreich stammt heuer allerdings keine der nominierten Produktionen: Das Hamburger Thalia Theater hat es mit "Das letzte Feuer" von Dea Loher in der Inszenierung von Andreas Kriegenburg unter die Nominierten geschafft, die Münchner Kammerspiele sind mit Stefan Puchers Shakespeare-Inszenierung "Der Sturm" dabei, das Deutsche Theater Berlin mit Michael Thalheimers Version von Gerhart Hauptmanns "Ratten".

In den übrigen Kategorien hat die 333-köpfige "Nestroy-Akademie" (alle bisher für den "Nestroy" Nominierten, die Kainz-Medaillen-Besitzer, die Träger des Nestroy-Rings sowie heimische Theaterdirektoren) aus den Nominierungen die Sieger gekürt. Als beste Schauspielerinnen schickt die Jury heuer Sandra Cervik mit den Frauenrollen in Schnitzlers "Reigen" (Theater in der Josefstadt), Andrea Wenzl mit ihrer "Alice" (nach Lewis Caroll) am Grazer Schauspielhaus und Regina Fritsch als Nawal in Wajdi Mouawads "Verbrennungen" ins Rennen. Auf den Preis als bester Schauspieler dürfen Markus Hering (für die Rollen als Hermile in "Verbrennungen", Erich in "Freier Fall" und C in "Pool (kein Wasser)" von Mark Ravenhill), Roland Koch (als Franzeck in "Die Probe" von Lukas Bärfuss, Akademietheater) und Samuel Weiss (als Seth Regan und Mickey Nestor in "Harper Regan" von Simon Stephens, Salzburger Festspiele in Koproduktion mit dem Deutschen Schauspielhaus Hamburg) hoffen.

Weitere Kategorien

Udo Samel holt als Nebendarsteller in Simon Stephens' "Motortown" die achte Nominierung für das Akademietheater, er konkurriert mit Johannes Krisch ("Freier Fall") und Andre Pohl in Horvaths "Der jüngste Tag" im Theater an der Josefstadt. Mit zwei Nominierungen hat das Akademietheater auch gute Chancen für den Regie-"Nestroy": Stefan Bachmann ("Verbrennungen") und Christiane Pohle ("Freier Fall") treten hier gegen Nicolas Stemanns "Räuber"-Inszenierung bei den Salzburger Festspielen (eine Koproduktion mit dem Thalia Theater Hamburg) an.

Für den Spezialpreis ist Schauspielhaus-Leiter Andreas Beck neben Hans Escher und Bernhard Studlar (wiener wortstätten) sowie Suse Wächter (Puppengestaltung am Schauspielhaus Graz) für den "fulminanten Neustart" seines Hauses nominiert, mit Ewald Palmetshofer (als Autor für "wohnen.unter.glas") und Jette Steckel (als Regisseurin von "Die Kaperer") kommen auch zwei Nachwuchs-Nominierte aus dem Schauspielhaus. Sebastian Wendelin aus dem Rabenhof könnte den Nachwuchs-Preis allerdings gleich für mehrere Rollen ebenfalls mit nach Hause nehmen. Überreicht werden die Nachwuchspreise von Katharina Strasser. (APA/red)

  • Desillusioniert: Franzobel
    standard / corn

    Desillusioniert: Franzobel

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