Drittel der AT&S-Belegschaft in Leoben muss gehen

18. November 2008, 16:42
26 Postings

Der Leiterplatten­hersteller baut in Leoben-Hinterberg 293 Stamm-Mitarbeiter und 159 Leiharbeiter ab, Großaufträge wandern zunehmend nach Asien, auch Kranhersteller Palfinger streicht Stellen

Leoben - Die Kündigung von Mitarbeitern wurde seitens AT&S u.a. mit den jüngster Ereignissen in der weltweiten Finanzwirtschaft begründet, deren "Auswirkungen auf die Realwirtschaft auch im Bereich der Elektronikindustrie zunehmend spürbar" würden. Neben zu erwartenden Mengenrückgängen kämen auch die Preise weiter unter Druck, "wodurch Volumsaufträge zukünftig in Österreich nur noch in Ausnahmefällen gefertigt werden können", hieß es. Einige der in Leoben wegen der Verringerung der Produktionskapazitäten nicht mehr benötigten Maschinen werden im neuen Werk in Indien zum Einsatz kommen.

Laut AT&S werden die Restrukturierungskosten werden in Summe 20,4 Mio. Euro betragen. Diese teilen sich auf Kosten des Personalabbaus, Gebäudeabschreibungen und sonstige Anpassungskosten auf. Die genaue Höhe werde erst nach Ausarbeitung eines Sozialplanes mit der Belegschaftsvertretung fest stehen. Bei dem Unternehmen rechnet damit, die ersten Kündigungen bis zum Ende des Jahres 2008 auszusprechen, so dass der Personalabbau mit Ende des Geschäftsjahres 2008/09 im Wesentlichen abgeschlossen sein sollte.

Abwandern nach Asien

Tendenziell sei bereits in den vergangenen Jahren ein Abwandern von Volumensaufträgen nach Asien zu beobachten gewesen, was durch die zunehmend spürbare Wirtschaftskrise nochmals beschleunigt worden sei, hieß es. Deshalb müsse man die Kapazitäten am Standort Leoben-Hinterberg "anpassen". Dadurch soll das Werk "als Technologietreiber und als Spezialist für Prototypen- und schnelles Geschäft für die AT&S Gruppe bestmöglich abgesichert werden", verlautbarte das Unternehmen am Dienstag. Für diese Neuausrichtung des Standortes fallen Kosten von rund drei Mio. Euro an.

Dies kostet am Standort Leoben 293 eigene Mitarbeiter und 159 Leiharbeiter den Job, der Mitarbeiterstand wird sich von derzeit 1.370 auf 918 Beschäftigte verringern. Die Produktionskapazitäten - gemessen in produzierter Leiterplatten-Fläche - werden fast halbiert, von 215.000 auf 130.000 Quadratmeter. In Leoben-Hinterberg nicht mehr nutzbare Maschinen würden im neuen Werk in Indien eingesetzt, das reduziere die dortige Investitionssumme um etwa 7,4 Mio. Euro.

Laut AMS Steiermark werde nun das Frühwarnsystem ausgelöst und im üblichen Falle begännen dann die Gespräche über die Zukunft der Mitarbeiter. Die Meldung an das Arbeitsmarktservice müsse bis 30. November offiziell erfolgen, so Hermann Gössinger vom AMS. Er gehe davon aus, dass man über eine Arbeitsstiftungslösung verhandeln werde.

Für die AT&S-Tochter in Korea muss laut dem Unternehmen eine Firmenwertberichtigung vorgenommen werden. Trotz eines im Monat Oktober erstmalig auf EBIT-Basis positiven Ergebnisses und einer positiven Entwicklungs-Einschätzung der AT&S Korea müsse der Geschäftsplan für diese Gesellschaft aufgrund des gesamtwirtschaftlichen Umfeldes angepasst werden. Dies mache einen Abwertungsbedarf von derzeit rund 6,8 Mio. Euro erforderlich, wobei der Firmenwert von derzeit rund 5,3 Mio. Euro gänzlich abgeschrieben wird und Steuerrückstellungen um rund 1,5 Mio. Euro reduziert werden.

Reaktionen

Wenig freundliche Worte kamen am Dienstag von Seiten der steirischen Politik und den Arbeitnehmervertretungen für die Kündigungen beim Leiterplattenhersteller in Leoben-Hinterberg: Die KPÖ sprach sich für Rückzahlungen von Förderungen und Übernahme von Firmenanteilen durch die öffentliche Hand aus. Für Leobens Bürgermeister Matthias Konrad sei es das Ziel, die Mitarbeiter rasch wieder in Beschäftigung zu bringen. Für die steirische Arbeiterkammer und den ÖGB sind die "Kündigungen von langer Hand vorbereitet gewesen".

Der Leobner Bürgermeister Matthias Konrad (SP), der sich am Dienstag im Ausland befand, meinte: "Bei einer so großen Zahl von Freisetzungen ist zu prüfen, ob nicht ein arbeitsmarktpolitisches Instrument - wie es seinerzeit bei der Mäser-Stiftung durchgeführt wurde - zum Einsatz kommen sollte". Die Abwicklung könnte durch die Wirtschaftsbeschäftigungsinitiative (WBI) erfolgen. Schließlich sei ja die ganze Obersteiermark betroffen. Man müsse verstärkt auf Forschung und Entwicklung im Umfeld der Montanuniversität setzen, um dadurch neue Betriebe anzusiedeln und Jobs zu schaffen.

Der obersteirische KPÖ-Abgeordnete und Leobener Stadtrat Werner Murgg erklärte am Dienstag, der Personalabbau dürfe von der Politik nicht widerstandslos hingenommen werden. AT&S habe über die vergangenen Jahre nicht nur hohe Wirtschaftsförderungen vom Land und der Stadt erhalten, sondern gewaltige Gewinne geschrieben. Dies bedeute, dass "die Eigentümer über all die Jahre Dividenden in Millionenhöhe eingestreift haben, während sie beim ersten wirtschaftlichen Gegenwind Hunderte Leute auf die Straße setzen", so Murgg.

Der steirische BZÖ-Chef Gerald Grosz meinte zu den Kündigungen: "Der rote Wirtschaftsberater Androsch ist schlimmer als jede globalisierte Heuschrecke". Gefordert seien Flat-tax und ein Mittelstandsfonds für die Steiermark, der den "einzig ehrlichen und stützenden Klein- und Mittelbetrieben" unter die Arme greife.

AK-Präsident Walter Rotschädl: "Es dränge sich der Verdacht auf, dass die Finanzkrise lediglich ein Vorwand ist. Mit der angekündigten Verkleinerung des Areals, der Verlagerung von Maschinen nach Indien und der damit verbundenen Kapazitätsrücknahme ist klar, dass es sich hier um kein kurzfristiges Durchtauchen der aktuellen Krise handelt." Diese Vorgangsweise sei umso verheerender, als ein sogenannter "Paradeunternehmer" wie Hannes Androsch mit schlechtem Beispiel vorangehe, so Rotschädl.

Auch die Gewerkschaft Metall-Textil-Nahrung Steiermark kritisierte Androsch scharf: Landessekretär Josef Pesserl erklärte, AT&S habe in den vergangenen Jahren mehr als 20 Mio. Euro an öffentlichen Förderungen für Investitionen zugesprochen bekommen. "Die Beschäftigungsgarantien, die dafür eingegangen werden mussten, laufen mit Ende des Jahres 2008 aus", so Pesserl, für den der "Verdacht naheliegt, dass die Gelegenheit beim Schopf gepackt wird und die internationale Finanzkrise für eine lange geplante Produktionsverlagerung nach Indien herhalten muss". Er fordere eine Rücknahme der Kündigungen und die Aufnahme von Gesprächen mit der Belegschaftsvertretung und der Gewerkschaft über alternative Maßnahmen wie z.B. Kurzarbeit, um den Verlust von Arbeitsplätzen und damit den Verlust von Kaufkraft in der Region zu vermeiden. (APA)

Share if you care.