Steger: "Ich glaube ganz fest, dass Haider kein Nazi war"

18. November 2008, 12:41
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Ex-FPÖ-Chef Norbert Steger im derStandard.at-Interview über Haiders Angebote, Straches Paintball-Spiele und seinen Versuch, die FPÖ zu liberalisieren

"Haider hat die rechten Themen verwendet, um mich taktisch anzuschlagen und zu erledigen", sagt der ehemalige FPÖ-Obmann Norbert Steger im derStandard.at-Interview. Zum Gespräch bat der neue ORF-Stiftungsrat in das Nobellokal "Das schwarze Kameel" im ersten Wiener Bezirk. Für ihn kein Widerspruch zur FPÖ-Klientel: "Das ist ein ganz normales Kaffeehaus mit Wiener Tradition". Die Fragen stellten Saskia Jungnikl und Rainer Schüller.

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derStandard.at: Sie wollten in der FPÖ so etwas wie ein liberales Gegengewicht zum deutschnationalen Kreis bilden. Wenn man sich die FPÖ heute anschaut: haben Sie versagt?

Norbert Steger: Ich habe als Gegengewicht etwa 1970 den Wiener Kreis gegründet. Der Grundgedanke war: wir sind bei keiner Partei, aber wir wollen die Parteien reformieren. Jugend ist manchmal: Yes, we can. Der Glaube, die Welt verändern zu können. Mein Ziel war es aus der freiheitlichen Partei eine liberale Partei zu machen.

derStandard.at: Aber Sie sind einer FPÖ beigetreten, die das Gegenteil einer liberalen Partei war.

Steger: Anfangs bin ich nicht beigetreten, weil das für mich eine Faschistenpartei war. Ich war der Meinung, eine Partei, die mit Friedrich Peter einen Ex-SSler als Parteiobmann hat, kann nicht sagen, sie sei eine liberale Partei. Ab meinem Beitritt habe ich die Strukturen von innen erlebt und da wollte ich am liebsten wieder aufhören.

derStandard.at: Und warum haben Sie nicht?

Steger: Ich dachte, nein, das geh ich jetzt an. Das reformieren wir. Ich hab mich bemüht, bin ein Stück weit vorangekommen, aber zum Schluss gescheitert.

derStandard.at: Wie liberal sehen Sie die heutige FPÖ?

Steger: Die jetzige Partei kann man mit der damaligen nicht vergleichen. Die Freiheitliche Partei ist sicher seit der Zeit, in der ich mitgewirkt habe, weit nach rechts abgerückt.

derStandard.at: Ab der Zeit Haiders?

Steger: Ja, das werfe ich Jörg Haider bis in ewige Zeiten vor. Die ärgsten Rechtsaußen-Sprüche, wie "ordentliche Beschäftigungspolitik" sind von ihm gekommen, nicht vom Strache. Der kommt auch nicht aus einer Familie, in der irgendjemand irgendwas bei der NSDAP war.

derStandard.at: Wie haben Sie Haider kennen gelernt?

Steger: Ich kam aus den Strukturen der Freiheitlichen Partei, Haider aus dem Ring Freiheitlicher Jugendlicher. Anfangs hat er versucht, links von mir zu agieren. Erst als er gemerkt hat, da ist zu wenig Platz und er das Angebot bekommen hat Kärntner Generalsekretär zu werden, ist er blitzschnell nach rechts abgewandert. Ab dem Zeitpunkt hat er die Partei vollkommen einseitig nach rechts geführt.

derStandard.at: Also war Haider nur so weit rechts, um Sie auszubooten?

Steger: Haider hat nie akzeptiert, dass vor ihm jemand ist. Das halte ich für legitim. Es ist in Ordnung, dass man Chef werden will und den alten Chef ablöst. Aber deswegen darf man nicht bestimmte Positionen aufgeben, zum Beispiel dass die FPÖ nie an rechtsradikale Denkweisen anstreifen darf.

derStandard.at: Haider ging es nicht um Ideologie, sondern um Macht?

Steger: Ich glaube ganz fest, dass Haider kein Nazi war. Die rechten Themen hat er verwendet, um mich taktisch anzuschlagen und zu erledigen. Ich will nicht auf einen Toten schimpfen. Aber er soll auch nicht wie die Göttin Diana heroisiert, sondern als Politiker nüchtern beurteilt werden. Die FPÖ ist unter ihm zu rechts geworden, weil sich Burschenschafter ihrer bemächtigt haben. Es gibt wunderbare Burschenschafter, aber auch schreckliche.

derStandard.at: Was ist das schreckliche an den schrecklichen Burschenschaftern?

Steger: Die intolerante Verengung. Es geht nicht um national oder nicht-national, sondern um rational und irrational. Man kann ja mit einem nationalen diskutieren, aber ab dem Moment wo es irrational wird - wie: es ist ja keiner vergast worden, weil die so oder so gestorben sind -, geht keine Diskussion mehr. Da steh' ich auf und geh'.

derStandard.at: Wann hatten Sie denn eine Ihrer letzten Diskussionen dieser Art?

Steger: Bei der 50-Jahresfeier vor ein paar Jahren hab ich über Liberalismus geredet. Daraufhin ist der Ewald Stadler gleich auf mich losgegangen. Ich hab zu ihm gesagt: Schau, du warst und bleibst für immer ein klerikaler Nazi. Wir finden sicher keine gemeinsamen Positionen. Das war keine Beleidigung, sondern eine politische Bewertung. Und wenn er mich jetzt klagt, werde ich sagen, diese Bewertung muss er aushalten. Jedoch glaube ich als Liberaler, jeder Mensch kann sich Stück für Stück bessern. Es ist Straches Aufgabe die FPÖ zu einer demokratischen Gesinnung zu führen.

derStandard.at: Wobei ihm die Wehrsportfotos wohl eher im Weg stehen, oder?

Steger: Ich hätte solche Übungen nicht gemacht, Strache sagt, es waren Paintball-Spiele. Ich weiß es nicht. Aber ich finde, Sie können einen Mann von 38 Jahren nicht an dem messen, was er mit 17 gemacht hat. Der Joschka Fischer hat Pflastersteine geschmissen und war trotzdem ein guter Außenminister.

derStandard.at: Glauben Sie, die FPÖ ist die derzeit liberalste Partei im Parlament?

Steger: Nein, bestimmt nicht.

derStandard.at: Wir verstehen nämlich nicht, wieso Sie - als der, wie Sie sagen Liberale - FPÖler sind?

Steger: Mir ist klar, dass Strache kein Liberaler ist. Und die Partei ist es auch nicht. Aber ich bin einer und ich will ein Stück des Weges gemeinsam mit der FPÖ gehen.

derStandard.at: Sie wollen die FPÖ also noch immer liberalisieren?

Steger: Wenn es mir gelingt, dass Strache eine Politik des Öffnens beginnt, ist das schon was.

derStandard.at: Dass Strache immer wieder bei sogenannten "Heldengedenken" aufgetaucht ist, ist Ihnen egal?

Steger: Ich leiste mir den liberalen Luxus Menschen nach dem Menschen zu beurteilen und nicht danach, wo er glaubt hingehen zu müssen. Aber sollte er mich je fragen, werde ich ihm sagen: Geh nicht hin.

derStandard.at: Wie haben Sie eigentlich vom Tod Haiders erfahren?

Steger: Irgendwann um vier Uhr früh hab ich eine SMS von einem BZÖler bekommen. Eine Stunde später hat mich eine enge Mitarbeiterin von ihm weinend angerufen. Ich hab dann überhaupt ein paar Haider-Leute trösten müssen. Was ich fast makaber gefunden habe.

derStandard.at: Waren Sie mit Haider je befreundet?

Steger: Haider hat mir einmal unter vier Augen gesagt, dass er meine Grabrede halten und dabei nur Gutes über mich sagen würde. Nachdem er genauso wie ich immer ein bissl ein Bohemian gewesen ist, habe ich das schriftlich verlangt und gekriegt. Da habe ich gewusst: er ist kein echter Freund, weil ein echter Freund würde so etwas nicht machen.

derStandard.at: Wie sehen Sie Ihre Entmachtung durch Haider im Nachhinein?

Steger: Ich war auf dem besten Weg systemimmanent zu werden, wie man es in der Politik wird, wenn man permanent mit den gleichen 200 Menschen redet. Die sagen einem nur, dass man gut, nett und schön ist. Irgendwann fängt man dann an, das zu glauben. Durch das Ausscheiden habe ich das größte Geschenk bekommen: ich habe mein Leben und meine Gefühle zurück bekommen.

derStandard.at: Das haben Sie demnach Jörg Haider zu verdanken ...

Steger: Eigentlich war ich damals schwer erschüttert über die Vorgänge, aber in Summe bin ich ihm für mein Leben dankbar. Ich bin ihm dankbar dafür, dass ich aus einem Kochtopf wieder heraus gekommen bin und jung genug war, um wieder Laufen und Spüren zu lernen. Das mag pathetisch klingen, ist aber die Wahrheit.

derStandard.at: Haben Sie sich nach dem Parteitag 1986 also auch wieder versöhnt?

Steger: Ja. Vor rund zehn Jahren. Da habe ich gemerkt, er ist alt geworden und kein jugendlicher Popstar mehr. Meine Prognose war aufgegangen, dass er als krähender Hahn oben stehen würde, aber nie wirklich was erreichen wird. Er wollte ja nicht Landeshauptmann von Kärnten sein, sondern mindestens Vizekanzler.

derStandard.at: Woran ist es gescheitert?

Steger: Weil er so war wie er war. Weil er sonst neben sich Leute hätte dulden müssen, die ihm die Dinge erstens erklären und ihm zweitens auch widersprechen. Ein guter Parteichef ist man nur, wenn man auch gute Leute um sich hat.

derStandard.at: Und Haider hatte keine guten Leute?

Steger: Er hat immer wieder gute Leute geholt, sie dann aber wieder umgebracht. Er hat sich mit der Buberlpartie umgeben. Das waren Leute, die seine Kofferträger waren und mit 23 oder 27 Jahren dann plötzlich was geworden sind. So kannst du nur Opposition sein und bist niemals regierungsfähig. Soll ich Ihnen Leute aufzählen, die er umgebracht hat?

derStandard.at: Ja, bitte

Steger: Heide Schmidt, Norbert Gugerbauer, ich und noch und noch. Die fehlen einer Partei schrecklich. Die Kannibalisierung solcher Leute war sein Versagen.

derStandard.at: Zurück zur Versöhnung: wie lief die genau ab?

Steger: Wir waren in diesem Extrazimmer im Hotel Bristol und Haider hat mir Angebote gemacht.

derStandard.at: Welche?

Steger: Unter anderem hätte ich als Bundespräsident kandidieren sollen.

derStandard.at: Das haben Sie abgelehnt?

Steger: Ja. Ich hab ihm gesagt, ich bin doch nicht blöd das zu machen, damit mich DER STANDARD anpinkeln kann, weil ich sowieso nicht Präsident werde. Das war aber nur das zehnte Angebot, er hat mir auch die Europakandidatur angeboten.

derStandard.at: Sie haben sich einmal als Mediator zwischen FPÖ und BZÖ angeboten. Gilt das Angebot?

Steger: Ja, gerne. Auch zwischen SPÖ oder ÖVP und FPÖ. Wenn eine Partei im Parlament ist, ist es ein wichtiges Prinzip miteinander zu reden.

derStandard.at: Was müsste sich ändern, damit die FPÖ in die Regierung kommt?

Steger: Die Position muss sein: wir sind ein weltoffenes Land. Auch wenn jemand eine schwarze Hautfarbe hat, ist er herzlich willkommen, solange wir ihn brauchen oder er ein Verfolgter ist. Wir machen den Fehler, dass wir die behalten, die keiner haben will. Wir haben das eigene G'sindel sowieso, da brauchen wir das fremde nicht auch noch. Das hat nichts mit Rassismus zu tun. Ich kenne wunderbare Türken, der Fanclub-Chef bei uns im Basketball-Klub ist ein Afrikaner. Herbei, herbei, herbei! Ich habe schon vielen Roten gesagt: Schützt doch eure eigenen Arbeiter davor, dass das Gsindel herein kommt und schwarz arbeitet.

derStandard.at: Die Asylwerber können ja gar nicht anders, weil sie nicht arbeiten dürfen ...

Steger: Das ist ein katastrophaler Fehler. Natürlich sollten sie arbeiten dürfen. Die Verfahren dauern bei uns einfach zu lang. Da haben die Politiker versagt, die das Thema erst emotional haben werden lassen. Wieso wird das Thema an den schönen Augen der Arigona festgemacht, statt an der Grundsatzfrage? Sie hätte schließlich auch das Recht hierzubleiben, wenn sie die Kriterien erfüllt und hässlich ist. Ich denke da vielleicht radikal-liberal. So denken aber viele Leute und deswegen haben die Roten auch viele Stimmen an die FPÖ verloren. Dieses Thema hat die SPÖ versäumt. Wenn man sagt, Strache hetzt nur, dann hat man trotzdem das Problem zu lösen.

derStandard.at: Wir kämen dann zur letzten Frage ...

Steger: Was nie geschrieben wurde ist, dass ich immer ein sehr netter Mensch gewesen bin. Ich war eigentlich der klassische Quereinsteiger und Haider hat es geschafft, mir die Punze des Berufspolitikers zu geben.

derStandard.at: Sollten wir schreiben, dass Sie nett sind?

Steger: Nein, aber Sie können ruhig schreiben, dass ich ein bisschen naiv bin, weil ich glaube, ich kann den ORF ändern.

derStandard.at: Was wollen Sie denn ändern?

Steger: Ich will verhindern, dass aus dem ORF die zweite AUA wird und dafür kämpfen, dass der Gesetzesauftrag jeden Tag eingehalten wird.

derStandard.at: Strache fordert auf Grund der Haider-Satire ein ORF-Verbot von Stermann und Grissemann.

Steger: Das finde ich falsch. Satire ist notwendig und muss selbstverständlich erlaubt sein. (derStandard.at, 18.11.2008)

Zur Person:

Norbert Steger wurde am 6. März 1944 in Wien geboren. Bis zum Stimmbruch war er bei den Sängerknaben. Er studierte an der Universität Wien die Rechtswissenschaften. Seine politische Karriere begann im Ring freiheitlicher Studenten (RFS). Er war Mitglied in den liberalen Vereinigungen "Atterseekreis" und "Wiener Kreis". Politische Karriere: 1975-77 stellvertretender Landesparteiobmann, 1977 Landesparteiobmann der FPÖ Wien; 1978-80 stellvertretender FPÖ-Bundesparteiobmann, 1980-86 FPÖ-Bundesparteiobmann; 1983-87 Vizekanzler und Bundesminister für Handel, Gewerbe und Industrie; 1979-86 Abgeordneter zum Nationalrat. 2008 wurde Steger von der FPÖ in den ORF-Stiftungsrat entsandt.

  • Norbert Steger heute: "Ich will ein Stück des Weges
gemeinsam mit der FPÖ gehen."
    foto: derstandard.at/rasch

    Norbert Steger heute: "Ich will ein Stück des Weges gemeinsam mit der FPÖ gehen."

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    Steger bei der 50-Jahr-Feier der FPÖ im Jahr 2006.

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    Der FPÖ-Parteitag am 13./14. September 1986: Haider übernahm mit einer turbulenten Kampfabstimmung den Parteivorsitz von Steger. Dieser blieb zwar bis zum Jänner 1987 als Vizekanzler noch im Amt, aber seine politische Karriere war zu Ende.

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    Vizekanzler und Handelsminister Norbert Steger (1983 bis 1987)

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