Gut Freund mit "Hausverstand" und "Inder"

18. November 2008, 09:12
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"Facebook" ist eine der beliebtesten Kontaktplattformen im Web. Mittlerweile treiben sich dort auch Protagonisten aus dem Werbefernsehen herum - und zwar auf Augenhöhe mit "echten" Menschen.

Als Andrea Starl dieses Wochenende auf ihrem Facebook-Account die "Freundschaftsansuchen" von ihr mehr oder weniger Unbekannten bearbeitete, blieb die Wienerin an einem Gesicht hängen: Zwischen all den Menschen, die sich ihr da im Wettrennen um noch mehr Freunde und Bekannte im sozialen Netz andienten, kam ihr ein Gesicht seltsam bekannt vor: Ein Mann mit dunklem Teint, rotem Gewand und Turban. Sein Name "Inder". Starl war sprachlos.

Denn im wirklichen Leben ist Andrea Starl Etatdirektorin der Werbeagentur "Blink". Ihr Kunde: Telering. "Der Inder" ist das Testimonial, mit dem der Mobilfunkanbieter wirbt: Eigentlich sollte eine Etatdirektorin wissen, welche Werbung wann wo wie läuft.

Bloß: Weder die Kreativen bei Blink noch Telerings Internet-Agentur noch Telering selbst wussten, dass die eigene Werbefigur seit Ende Oktober im virtuellen Netz unterwegs ist - und binnen weniger Tage 200 "Freunde" gesammelt hatte.

"Basta for President"

Dem Erstaunen folgte Freude: "Es kann uns nichts Besseres passieren, als dass Menschen sich mit einer Werbefigur so auseinandersetzen wie mit einem echten Menschen", erklärt Starl. Und solange der Inder "sympathisch und positiv" (auf Facebook wird nach "politischer Einstellung" und "Interessen" gefragt - der Inder gibt "Basta for President" und "Weg mit dem Speck" an) durch die Kontaktbörse wandere, werde man dem Unbekannten Avatar-Betreiber das Handwerk nicht legen: "Es ist großartig, wenn Werbung außerhalb des Werbeblocks funktioniert."

Natürlich ist der Telefon-Inder nicht die einzige nicht ganz authentische Figur auf Facebook. Aber er steht für eine neue Qualität des Umgangs mit virtuellen Personen. Denn auch wenn niemand glaubt, dass Alfred Gusenbauer oder Barack Obama im Netz tatsächlich eigenhändig Freundschaften pflegen, Fotos hochladen, Dates ausmachen oder diskutieren, ist doch unumstritten, dass es diese Menschen tatsächlich gibt: Ihr Agieren und ihre Aussagen in Web und Echtwelt decken sich.

200 Freunde für den Hausverstand

Und auch Institutionen (dem Europäischen Parlament etwa), Firmen (immer mehr Clubs promoten ihre Aktivitäten hier) oder Medien (das Seitenblickemagazin etwa verkündet alle paar Stunden aktuelle VIP-News via "Statusleiste") würde niemand die reale Existenz absprechen. Doch für den Inder trifft das ebenso wenig zu wie für Billas "Hausverstand": Auch der ist mittlerweile auf Facebook mit rund 200 Menschen befreundet - und trat dort am Montag einer Initiative zur Abschaffung der TV-Werbefamilie Putz bei.

Für den Kommunikationswissenschafter Matthias Karmasin ist all das ein Beleg dafür, "dass sich Grenzen verschieben: Die Echtheitsvermutung, fällt hier von vornherein weg." Verwundert ist Karmasin aber weniger darüber, "dass die Grenzen zwischen Realität und Fiktion, Inszenierung und Wirklichkeit und zwischen Öffentlichkeit und Privatem immer mehr verschwimmt", sondern, "dass das die Leute so gar nicht stört. Im Gegenteil: Es ist cool. Für die Werbewirtschaft ist das beruhigend - für die Gesellschaft aber vielleicht doch auch beunruhigend: Das Unechte hat seine moralische Fragwürdigkeit verloren." (Thomas Rottenberg/ DER STANDARD, Printausgabe 18. November 2008)

  • "Inder" und "Hausverstand" auf Facebook: "Großartig, wenn Werbung außerhalb des Werbeblocks funktioniert."
    foto: cremer

    "Inder" und "Hausverstand" auf Facebook: "Großartig, wenn Werbung außerhalb des Werbeblocks funktioniert."

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