Chancen in der Krise: Hoffnung auf Veränderung

17. November 2008, 19:02
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Globalisierungsgegner Jean Ziegler sieht auch Chancen in der Krise

Wien - Gerade zur rechten Zeit, kurz nach dem Washingtoner Finanzgipfel, kam Jean Ziegler zu einer Diskussion ins Kreisky-Forum. Der streitbare Schweizer Sozialwissenschafter, Politiker und Globalisierungsgegner - heute ist er Mitglied des Menschenrechtsrats - warnt schon seit langem vor den Folgen einer deregulierten Wirtschaft und sah hinter dem weltweit wachsenden Reichtum und Handelsvolumen das Menetekel einer ebenfalls global steigenden Armut.

"Aber hat er eine Lösung?" Dieser Frage stellte Ziegler sich am Sonntagabend. "Die neo-liberale Theorie", konstatierte er zunächst, "als Maske für totale Willkür ist am Ende, und sie könnte uns in den Abgrund ziehen." Angesichts der bisherigen Lösungsversuche bleibt er skeptisch und belegt dies mit vielen Befunden: wie die Banken zwar Stützungen in Milliardenhöhe bekommen, aber sich jede Kontrolle verbeten (z. B. Ackermann von der Deutschen Bank); wie auch angesichts massiven Hungers, etwa in Guatemala oder Haiti, die Experten an der Macht des Marktes festhalten; wie andererseits die Versuche einer Reform der Agrarsubventionen, um Landwirtschaften in den ärmsten Ländern nicht noch weiter zu ruinieren, am Veto einflussreicher Verbände vor allen in Frankreich und den USA scheitern.

Hoffnungsträger Obama

Die Krise habe viel Leid gebracht - in der EU werde das noch schlimmer kommen -, und sie erzeuge Angst. Darin sieht Ziegler eine Chance. Die Normativkraft der Staaten könnte zurückkommen. "Sie können Pläne koordinieren, der Gesellschaftsvertrag wird wieder wirksam." Die öffentliche Meinung könnte Verfügungsgewalt fordern. Das klingt utopisch, doch für Ziegler waren historische Umwälzungen auch früher nicht vorhersehbar. Die letzte globale Krise hat faschistische Regierungen hervorgebracht, aber auch demokratische Lösungen.

Am Horizont sieht Ziegler sogar die Möglichkeit, dass der zukünftige US-Präsident Barack Obama das US-Budget Richtung Soziales umstrukturiert. Und wer weiß, vielleicht werde eines Tages sogar die Tobin-Steuer Wirklichkeit.

Am Dienstag spricht Jean Ziegler über "Das tägliche Massaker des Hungers. Wo ist Hoffnung?", Botschafter Wolfgang Petritsch wird über Entwicklungshilfe und Entwicklungspolitik vortragen. Um 19 Uhr im Festsaal des Wiener Rathauses. (Michael Freund, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.11.2008)

  • "Die neoliberale Theorie ist am Ende, sie könnte uns in den Abgrund ziehen": Jean Ziegler im Kreisky-Forum.
    foto: standard/christian fischer

    "Die neoliberale Theorie ist am Ende,
    sie könnte uns in den Abgrund ziehen": Jean Ziegler im Kreisky-Forum.

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