Tanz die Armutsgrenze!

17. November 2008, 19:01
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Der Reichtum der Produktion speist sich aus dem Zusammenspiel der Ausdrucksformen

Jobben in der Neujahrsnacht: Mit klammen Fingern und knurrendem Magen bringt ein Kind seine letzten Stunden zu. "Mädchen mit Schwefelhölzern", die neue Produktion von walk-tanztheater.com, begegnet H. C. Andersen in Bildern von märchenhafter Kühnheit. Die Erzählung im Kern - deutsch, spanisch, japanisch, russisch gesprochen - wird eingehüllt in Schichten szenischer Tableaus, so wie das Publikum reihenweise in einen kollektiven, seidigen Ganzkörperumhang verpackt wird. Dermaßen versorgt, muss man dem Blick auf die kühle TV-Meldung vom Erfrierungstod ebenso standhalten wie jenem auf Elend, Tod und Armut.

Der Reichtum der Produktion (Regie: Hanspeter Horner) speist sich aus dem Zusammenspiel der Ausdrucksformen. Im Sound trifft etwa Aphex Twins "To Cure A Weakling Child" auf die Stimme der Bandura-Spielerin Olena Nechay. Das Raumkonzept und die Kostüme stammen von Ursula N. Müller: Im Overall wirken die Tänzer wie Action-Hero-Figuren, Frauen gibt's auch im folkloristischen Gewand, Männer im weißen Hemd zum schwarzen Teint - seit Jahren arbeitet die Company mit Flüchtlingen. Erschreckend ist die Hungerszene, wenn die Gruppe mit Puppenkindern im Mund umherstromert. Niemals geschieht Ästhetisierung von Leid. Vielmehr tritt man den Beweis an, wie zündend die Verschränkung künstlerischen und politischen Anspruchs sein kann. (pen/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18. 11. 2008)

>> Altes Hallenbad, Feldkirch. 20.00

 

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