Kopf des Tages: Aufdecker an der Tablettenfront

17. November 2008, 18:57
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Hans Weiss, 58, Medizinjournalist in Wallraffs Tradition

Es ist nicht zum ersten Mal, dass sich Hans Weiss in die Pharmawelt als verdeckter Ermittler einschleust. Bereits 1980 war er bei Sandoz und Bayer, um die Geschäftspraktiken der Arzneimittelhersteller von innen kennenzulernen. Das Ergebnis war "Bittere Pillen", das er zusammen mit Kurt Langbein, Hans-Peter Martin und Peter Sichrovsky (alias Roland Werner) publizierte. Mit 2,7 Millionen Exemplaren ist es eines der erfolgreichsten Sachbücher, das es je gab.

Der allerneueste Wurf, der mit viel Trara auf den Markt kommt, heißt "Korrupte Medizin", eine in Wallraff'scher Aufdeckermanier recherchierte Story, für die der erfahrene Medizinjournalist - er hat in den vergangenen Jahren für Stern, Die Zeit oder Spiegel gearbeitet und 2004 für seine Leistungen den Bruno-Kreisky-Preis erhalten - weder Mühen noch Kosten gescheut hat. Um hinter die Kulissen zu blicken, ließ sich Weiss zum Pharmareferenten ausbilden, lauschte aufmerksam pharmainternem Branchen-Sprech und baute eine Karriere als Pharmakonsulent auf; für zweifelhafte Studien versuchte er Ärzte zu gewinnen. Was er erlebt hat, erzählt er in einem Buch, das sich wie ein Krimi aus der Welt der Medizin liest. Dass Ärzte und Pharmafirmen auf die Barrikaden steigen würden, damit hat der journalistische Profi, der in den vergangenen Jahren mehr als 20 Sachbücher geschrieben hat ("Gesunde Geschäfte", "Kursbuch Gesundheit", "Schwarzbuch Markenfirmen") gerechnet. "Ich arbeite schon lange mit einem Anwalt und habe bislang noch kein Verfahren verloren", sagt er. Im besten Fall verändern seine Storys sogar missliche Realitäten: Sein im profil veröffentlichtes "Tagebuch eines Irrenwärters" führte zu Psychiatrie-Reformen.

Diese erste Aufdeckerstory hatte Weiss, 1950 in Hittisau geboren, in seiner Heimat Vorarlberg recherchiert. Zum Psychologiestudium ging er nach Innsbruck, studierte in Cambridge und London, absolvierte am Institut für höhere Studien eine Ausbildung zum Medizinsoziologen.

Auch Biografisches hat Weiss zu einem Buch verarbeitet - die Geschichte seines Vaters als Geschichte über den Krieg. Apropos Vater: Das Wichtigste in Weiss' Leben ist sein zehnjähriger Sohn, mit dem er gerne ins Kino geht oder Bergwanderungen unternimmt. Die Erziehung teilt sich Weiss zu gleichen Teilen mit seiner Ex-Frau. In den nächsten Wochen hat der passionierte Vater sicherlich wenig Zeit, er wird als Gast in diversen deutschen Talkshows zu sehen sein. Weiss versteht es, sich gut zu vermarkten. (Karin Pollack/DER STANDARD, Printausgabe, 18.11.2008)

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