Computer-Betrug für die "gemeinsame Zukunft"

17. November 2008, 18:56
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Buchhalterin schädigte Computer-Großkonzern mit fingierten Bestellungen um 7,5 bis zwölf Millionen Euro

Wien - "Wie hoch war nun wirklich Ihre Bereicherung", will Richterin Irene Mann wissen. Sandra H., die ehemalige Buchhalterin eines Computerkonzerns, hat die Zahl gleich parat: "440.000 Euro, aber da kommt noch ein bisschen was dazu, ich hab nicht alles eins zu eins aufs Konto eingezahlt." Und ihr Exgeliebter, der sie angestiftet haben soll? "Ein paar Hunderttausend." Und ihr nächster, angeblicher Geliebter, der damalige Geschäftsführer des Computer-Riesen, ihr Chef? "2,1 bis 2,2." - "2,1 was", fragt die Richterin nach. "Millionen Euro", sagt Sandra H.

Die Summe, um die der Konzern geschädigt wurde, war allerdings ungleich höher - zwölf Millionen Euro hat Sandra H. zugegeben. Im Unternehmen selbst konnte man allerdings erst 7,5 nachvollziehen. Denn das System, nach dem Sandra H. vorgegangen war, war gleichzeitig simpel - und höchst kompliziert.

Bei der Befragung am Montag erklärte Sandra H. das Prinzip: Sie hatte bei einem österreichischen Computerunternehmen gearbeitet, das mit dem internationalen Großkonzern fusioniert wurde. Da bemerkte sie, dass sie nach dem alten, österreichischen System firmenintern Computer bestellen und dann extern weiterverkaufen konnte. Die Computer bekam sie um rund 40 bis 50 Prozent billiger - das war der Schaden. Weiterverkauft wurde dann mit einem Aufschlag - das war die Bereicherung.

Das fiel aber niemandem auf - unter anderem, weil die Buchungsabteilung nach Indien ausgelagert worden war. Sandra H. hatte nach eigenen Angaben "nur noch eine Look-up-Funktion": Ins neue Buchungssystem konnte sie nur reinschauen. Aber das Buchungssystem ihrer alten Firma, bei dem sich niemand sonst auskannte, wurde "für Altlasten offengehalten". Das konnte sie manipulieren.

Mühsam kämpft sich Richterin Irene Mann durch den Aktenberg, muss immer wieder appellieren, nur deutsche Worte zu verwenden, denn Sandra H. spricht von "Hostingmodellen" oder von der "PSG", was sie mit "Personal System Group" erklärt. Doch dann muss Mann selbst zu einem englischen Wort greifen: Ob das mit dem Geschäftsführer und Chef ein "One-Night-Stand" gewesen sei? "Das war nicht der Fall." Sie habe ihm das Geld gegeben, damit er "für eine gemeinsame Zukunft" anspare.

Sandra H. sagt, sie habe ihrem Geliebten und Vorgesetzten geglaubt, dass er sich von seiner Frau trenne, wenn die Kinder größer seien. Auch Sandra H. hatte selbst einen offiziellen Lebensgefährten - aber der habe von all diesen Vorgängen nichts gewusst, denn "mit ihm habe ich keine Zukunft gesehen". Daher habe sie in diese Beziehung auch nichts von dem ergaunerten Geld investiert. Auch nicht in das gemeinsame Haus im Salzburgischen, für dessen Kredit sie mithaftete.

In der Arbeit wiederum hatte Sandra H. geflunkert, sie sei eine Erbin von La Roche: "Ich konnte ja nicht auf einmal mit dem BMW X5 in der Firma vorfahren. Das Lustige war: Die haben mir geglaubt."

Bei den nächsten Prozessterminen sollen die Mitangeklagten befragt werden, die erklären, von den Vorgängen nichts gewusst zu haben: Der erste Liebhaber will sie nicht angestiftet haben - und der Vorgesetzte will nicht einmal eine Liebesaffäre mit ihr gehabt haben. (Roman David-Freihsl/DER STANDARD, Printausgabe, 18. November 2008)

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