"Osteuropa war unsere einzige Chance"

17. November 2008, 18:51
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Warum Bernd Wolschner, Chef der SW Umwelttechnik, die Ostexpansion für richtig hält und welche Chancen er trotz Krise sieht, sagte er im STANDARD-Interview

Osteuropa leidet unter der Rezession im Westen. Warum Bernd Wolschner, Chef der SW Umwelttechnik, die Ostexpansion für richtig hält und welche Chancen er trotz Krise sieht, sagte er Günther Strobl.

STANDARD: Sie zählen zu den Pionieren in Osteuropa, sind kurz nach Fall des Eisernen Vorhangs mit der SW Umwelttechnik nach Ungarn gegangen. Haben Sie Angst, dass wegen der Finanzkrise das Aufgebaute nun zusammenbricht?

Wolschner: Dass sich so ein Raum von weltwirtschaftlichen Entwicklungen nicht abkoppeln kann, ist klar. Das Gute ist: Es gibt noch Wachstum, wenn auch gedämpft. Was wir jetzt im Westen haben, ist eine verzögerte Rezession. Möglicherweise wäre diese Krise schon vor drei Jahren ausgebrochen, wäre sie nicht durch billiges Geld hinausgeschoben worden. Jetzt kommt die Rezession mit voller Wucht über uns.

STANDARD: Bis vor kurzem war zu hören, Österreich werde wegen der starken Verankerung seiner Unternehmen in der Region von der Krise weit weniger betroffen sein als andere Länder. Wunschdenken?

Wolschner: Nicht ganz. Der Nachholbedarf ist enorm. In Ungarn sind 60 Prozent der Haushalte an eine Kläranlage angeschlossen, 1990 waren es 45 Prozent. Ein Teil des Weges ist also gemacht. Bis EU-Standards erreicht sind, werden noch 20 Jahre vergehen. In Rumänien liegt der Anschlussgrad bei 20 Prozent. Um dort auf ein EU-konformes Niveau zu kommen, muss noch 50 bis 60 Jahre Geld fließen.

STANDARD: Es gibt zwar viel Geld aus Brüssel, aber nur, wenn die Länder eigenes Geld drauflegen?

Wolschner: Ein großes Thema in Ungarn. Dort wurde versucht, das Budget durch Investitionskürzungen zu sanieren. Reformen wie in der Slowakei und teilweise auch in Rumänien wurden nicht durchgeführt. Wir hoffen jetzt, dass der Internationale Währungsfonds die ungarische Regierung leitet. Ein Konjunkturpaket muss her, um die Wirtschaft am Laufen zu halten.

STANDARD: Wie haben Sie in Ungarn auf die kritische Situation reagiert?

Wolschner: Wir haben in den vergangenen zwei Monaten nahezu alle 130 Leiharbeiter und 24 von der Stammmannschaft abgebaut. Jetzt beschäftigen wir noch rund 450 Mitarbeiter in Ungarn.

STANDARD: Für die es ausreichend Arbeit gibt?

Wolschner: Wir müssen sicher noch da und dort Stellen abbauen, aber nicht mehr in großem Umfang. Wir sind mehr oder weniger auf dem Niveau, das den Erwartungen für nächstes Jahr entspricht. Wir rechnen mit Zurückhaltung im Bereich Industrie und Gewerbe und einer leichten Erholung bei öffentlich finanzierten Infrastrukturvorhaben.

STANDARD: Viele Firmen jammern, dass sie schwer an Geld kommen?

Wolschner: Meine Befürchtungen waren im September und Oktober sehr groß. Damals war noch nicht klar, ob die Banken gestützt werden. Hauptfrage war, inwieweit das Eigenkapital der Banken zurückgehen würde und die Institute dadurch gezwungen wären, Kreditlinien zurückzuführen. Dann wäre es ausgesprochen schwierig geworden.

STANDARD: Es gibt wieder Geld, aber zu schlechteren Konditionen?

Wolschner: Die Banken haben die Margen erhöht. Ob jemand Geld bekommt, hängt von der Art der Investition ab. Für Gewerbeprojekte wird es sicher sehr eng. Bürohäuser oder Einkaufszentren sind etwas Langfristiges. Der Mut für solche Investitionen nimmt ab, weil sich schwer prognostizieren lässt, ob und wann sie vermietbar sind.

STANDARD: Österreichische Firmen haben profitiert von der Ostöffnung – gibt es jetzt ein Klumpenrisiko?

Wolschner: Das würde ich nicht sagen. Es stimmt zwar, wir und andere haben stark investiert in der Region und müssen nun mit Rückgängen leben. Man muss sich aber auch vor Augen führen, dass wir ohne Osteuropa überhaupt keine Position hätten. Wir hätten Österreich und aus. So gesehen war Osteuropa unsere einzige Chance. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.11.2008)

Zur Person

Bernd Wolschner (56) ist Vorstand der auf Abwasser spezialisierten SW Umwelttechnik und mit Bruder Heinz größter Einzelaktionär. Das Kärntner Unternehmen ist neben Österreich und Ungarn auch in Rumänien aktiv.

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    Bernd Wolschner

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