Wer wenig Kohle hat, muss frieren

17. November 2008, 18:39
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Die Energiekosten stei­gen, die Tem­pe­ra­turen fallen - Die Zahl der Menschen, für die Heizen zum Luxus wird, steigt - Caritas und Grüne fordern Sofortmaßnahmen - Mit Kommentar

Wien - In 315.000 österreichischen Wohnungen und Häusern wird es laut Caritas auch in diesem Winter kalt bleiben. Die Zahl der Menschen, für die Heizen zum Luxus wird, wächst seit der Erhöhung der Energiepreise weiter.

Wer mit der Strom- und Gasrechnung in Verzug kommt oder auch nur öfter Mahnungen erhält, muss damit rechnen, von seinem Energieversorger zu einer sogenannten Sicherstellungszahlung aufgefordert zu werden. So verlangte die Wien Energie in einem Schreiben, das dem Standard vorliegt, von einer Kundin Geld im voraus. "Wir haben Sie bereits mehrmals an die Zahlungen überfälliger Rechnungen erinnern müssen. Das Risiko, dass Sie Ihren Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen, ist für uns sehr groß. Aus diesem Grund machen wir die weitere Energielieferung von der Zahlung einer Sicherheitsleistung in der Höhe von 120 Euro abhängig." Die Frau, an die der Brief gerichtet ist, habe aber nur ein monatliches Einkommen von 800 Euro, sagt Caritas-Sprecher Klaus Schwertner.

Bei Wien Energie beruft man sich auf die Allgemeinen Geschäftsbedingungen, in denen diese "Kaution" geregelt sei. "Pro Monat erhalten zwischen 100 und 200 Personen ein derartiges Schreiben", sagt Wien-Energie-Sprecherin Ilona Matusch, "das sind gerade einmal 0,01 Prozent unserer Kunden". Wer die Rechnung danach pünktlich bezahlt, kriegt das Geld mit Zinsen wieder zurück - im Schnitt nach zwei Jahren.

Eine Million "Überlebenskünstler" in Wien

In Wien leben laut David Ellensohn rund eine Million "Überlebenskünstler". "Zwei Drittel der 1,6 Millionen Wiener müssen mit weniger als 1500 Euro pro Monat auskommen. Die Haushaltsausgaben liegen aber bei 1700 Euro. Da muss man sich schon fragen, wie die Menschen das ohne dauerhafte Verschuldung überhaupt schaffen sollen", sagt der Sozialsprecher der Wiener Grünen. Die Finanzkrise arbeite sich langsam in die Mittelschicht hinein. "Die Stadtregierung muss endlich handeln."

Von der kostenlosen Kinderbetreuung über die Halbierung der Tarife der öffentlichen Verkehrsmittel bis zur Rücknahme der Anhebung des Gas- und Strompreises reichen die grünen Forderungen. Das 100 Millionen Euro schwere Konjunkturpaket, das die Wiener Stadtregierung kürzlich mit den Sozialpartnern aushandelte, reicht dafür allerdings bei weitem nicht - das geben auch die Grünen zu. "Es wäre aber alles finanzierbar, wenn die SPÖ nur wollte", sagt Ellensohn. "Denn interessanterweise ist immer genügend Geld da, wenn gerade Wahlen anstehen - zuletzt bei der Aussetzung von Mieterhöhungen im Gemeindebau."

In Niederösterreich kostet der Strom seit 1. November um zehn Prozent mehr, Gas um 28 Prozent. Im Jänner und März werden die Preise wieder gesenkt. Das Land schießt Bedürftigen diesen Winter einmalig 210 Euro für die Heizkosten zu. Nach Berechnungen der E-Control bezahlt ein Standardkunde der EVN nun statt 850 Euro jährlich 1090 Euro und damit immer noch um 30 Euro mehr als der Zuschuss des Landes beträgt. SP und Grüne fordern, dass die Förderung sozial gestaffelt wird. Grünen-Chefin Madeleine Petrovic sagte dem Standard, sie wolle, dass das Land die EVN wieder übernimmt. "Es soll eine klare Einflussnahme geben. In Österreich wird nur preisgeregelt, wenn es politisch opportun ist", sagt Petrovic. Aus dem Büro von Finanzlandesrat Wolfgang Sobotka (VP) heißt es, der Anteil des Landes von 51 Prozent an der EVN genüge. Weitere Schritte stünden nicht zur Debatte.

Leerer Kühlschrank

Wiens Caritas-Direktor Michael Landau wiederholte seine Forderung nach sozial gestaffelten Tarifen: "Bei den Anfragen in den Caritas-Sozialberatungsstellen spüren wir schon länger, dass sich die finanziellen Sorgen unserer Klienten geändert haben - früher war es etwa der Skikurs der Kinder, heute sind es offene Mieten, Energierechnungen oder der leere Kühlschrank." (Bettina Fernsebner-Kokert/Gudrun Springer/Martina Stemme/DER STANDARD, Printausgabe, 18. November 2008)

  • Wenn das Geld für Strom und Gas nicht reicht, müssen die Betroffenen auf alte Heizmethoden zurückgreifen - Die Energiepreise sind um bis zu 28 Prozent gestiegen
    der standard/andy urban

    Wenn das Geld für Strom und Gas nicht reicht, müssen die Betroffenen auf alte Heizmethoden zurückgreifen - Die Energiepreise sind um bis zu 28 Prozent gestiegen

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