Jungfräulichkeit kein Ehe-Kriterium

17. November 2008, 18:23
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Berufung eines Ehemannes in Frankreich abgewiesen - Frauen- organisationen: Revision wahrt Recht auf sexuelle Freiheit von Frauen

Der Fall bewegte Frankreich seit Monaten. Vor allem warf er ein Schlaglicht auf einen bisher wenig bekannten, aber keineswegs seltenen Aspekt der Einwanderungsdebatte.

Ein junger Ingenieur muslimischen Glaubens hatte 2006 eine in Ausbildung befindliche Krankenschwester geheiratet. In der Hochzeitsnacht stellte der Frischvermählte fest, dass seine Frau nicht mehr Jungfrau war - das auf dem Bett ausgebreitete Leintuch zeigte nämlich keine Blutspuren. Der Marokkaner informierte die noch anwesenden Hochzeitsgäste umgehend, dass ihn seine Gattin offenbar angelogen habe. Schon am nächsten Tag ersuchte er bei einem Gericht in Lille um die Aufhebung der Ehe.

Und erstaunlicherweise erhielt er recht: Ein erstinstanzliches Gericht kam zum Schluss, dass die Ehe unter einem "Irrtum über die wesentlichen Qualitäten des Partners" leide, ähnlich wie wenn jemand seine Vergangenheit als Prostituierte verschweige. Links- wie Rechtsparteien, ÄrztInnen, Frauen- und Menschenrechtsverbände liefen gegen dieses Urteil Sturm. Justizministerin Rachida Dati unterstützte allerdings den Richterspruch.

Urteil "sehr beunruhigend"

Das Berufungsgericht von Douai hat nun am Montag das erstinstanzliche Urteil umgestürzt. Die Jungfräulichkeit könne in Frankreich nicht als "wesentliche" Voraussetzung einer Eheschließung gelten, befand es. Der Anwalt des abgewiesenen Marokkaners bezeichnete das Urteil als "sehr beunruhigend", da es das persönliche Freiheitsrecht bedrohe. In ersten Stellungnahmen von politischer Seite oder von Frauenrechtlerinnen hieß es, das Berufungsurteil wahre die republikanische Landestradition, wonach die BürgerInnen - also Frauen wie Männer -- in gleichem Masse Anspruch auf ihre sexuelle Freiheit hätten.

Die allgemeine Freude und Erleichterung über das Berufungsurteil hält sich allerdings in Grenzen, da dieses keineswegs alle Fragen klärt. Denn insbesondere das Schicksal der Braut bleibt ungeklärt. Die gerade erst 20-jährige Marokkanerin, die nun untergetaucht ist, hatte die Aufhebung der Ehe schließlich selbst akzeptiert, wenn nicht gar gewünscht. Auch dies zeige, dass Justizministerin Dati die konkrete Lage dieser Frauen genau kannte, als sie für die Annullierung der Ehe eintrat, argumentieren manche. Nach dem Berufungsurteil bleibt die Heirat weiter rechtsgültig; nur ein Scheidungsverfahren könnte sie aufheben. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, Print, 18.11.2008)

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    Frankreichs Justizministerin Rachida Dati hatte den ursprünglichen Richterspruch unterstützt. Seitdem steht sie bei zahlreichen Interessensvertretungen unter Kritik.

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