Wenn die Obrigkeit schläft

17. November 2008, 18:11
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Wenn es um den Rechtsstaat und seine mannhafte Verteidigung geht, kennt man in der "Wiener Zeitung" keinen Pardon

Wenn es um den Rechtsstaat und seine mannhafte Verteidigung geht, kennt man in der "Wiener Zeitung" - noch immer offizielles Blatt der Republik Österreich, auch wenn das unter Andreas Unterbergers Verwaltung kaum erkennbar ist - keinen Pardon. Einen schönen Beweis dafür hat man schon einmal dafür geliefert, als der Anwalt des "Historikers" David Irving die neonazistischen Thesen seines Mandanten beschönigen durfte, damit sich der Chefredakteur das Mäntelchen eines Voltaire umhängen und als Hüter der Meinungsfreiheit auftreten konnte. Am Wochenende ist dem Blatt wieder ein einschlägiger Coup gelungen. Der Kulturredakteur, der seinen regelmäßig abgesonderten Flatus als Theaterdonner in die gleichnamige Rubrik zu entlassen vorgibt, hat unter dem Titel Ist Leopold vogelfrei? den Präsidenten der israelitischen Kultusgemeinde, Ariel Muzicant, eines schauerlichen Verbrechens überführt. Endlich ist gelungen, woran österreichische Neonazis seit Jahren arbeiten!

Muzicant hat, laut Edwin Baumgartner, in Komplicenschaft mit dem Kultursprecher der Grünen, Wolfgang Zinggl, eine nicht ordnungsgemäß angemeldete Demonstration gegen die angebliche nationalsozialistische Raubkunst im Besitz der Privatstiftung Museum Leopold abgehalten! Gegen ein solches Überborden der Kriminalität kann ein Kulturredakteur der "Wiener Zeitung" gar nicht anders als einzuschreiten. Die ertappten Täter müssen sich vom Theaterdonnerer in der Gestalt eines Freizeit-Staatsanwaltes vorwerfen lassen, das österreichische Demonstrationsrecht nicht zu kennen oder es sozusagen nicht einmal ignoriert zu haben. Demzufolge müssen Demonstrationen nämlich angemeldet werden.

Wenn schon die Obrigkeit nicht eingreift - Baumgartner wacht, wo es um die Lauterkeit von Rudolf Leopold als Sammler geht! Immerhin stellt er den Übeltätern die Möglichkeit in Aussicht, von mildernden Umständen Gebrauch zu machen. Denn alles könnte sich ja auch so abgespielt haben: Dort stand rein zufällig Ariel Muzicant. Rein zufällig kam Wolfgang Zinggl des Wegs. Muzicant und Zinggl begannen rein zufällig ein Gespräch, und weil sie rein zufällig vor dem Leopold Museum standen, drehte sich dieses Gespräch nicht etwa um die Verdienste des Sammlers Rudolf Leopold, sondern - rein zufällig - um die angebliche nationalsozialistische Raubkunst im Besitz der Privatstiftung Museum Leopold. Ganz spontan beschlossen Muzicant und Zinggl, unverzüglich an Ort und Stelle eine Demonstration dagegen abzuhalten. Rein zufällig merkten das einige rein zufällig vorbeischlendernde Passanten, die rein zufällig Raubkunst-Experten (zumindst selbsternannte) waren. Und so kam es zu einer rein zufälligen Spontan-Demonstration gegen den bösen, bösen Leopold.

Spätestens jetzt merkt der Leser, dass sich in Edwin Baumgartner die Strenge des Gesetzes mit Unterbergerischem Witz paart. Denn, wie gesagt, sollte es sich rein zufällig nicht auf diese rein zufällige Weise abgespielt haben, müssten sich Ariel Muzicant und Wolfgang Zinggl, letzterer immerhin Nationalratsabgeordneter, vorwerfen lassen, unbotmäßig demonstriert zu haben. Das wäre allerdings erschwerend, denn die Ruchlosigkeit von Muzicant und Zinggl hatte verheerende Auswirkungen auf die öffentliche Moral: Vielleicht ist Rudolf Leopold mittlerweile ja auch für vogelfrei erklärt worden. Denn die Politiker aller Couleurs schwiegen zu der nicht rechtskonformen Demonstration gegen den verdientesten privaten Kunstsammler der Republik Österreich dermaßen laut, dass einem die Ohren jetzt noch davon klingen.

Da alles auch Zufall gewesen sein könnte, lässt Baumgartner das Tor des Gesetzes einen Spalt offen: In Österreich ist eine Person, solange ihr kein Vergehen oder Verbrechen nachgewiesen ist, als unschuldig zu betrachten - allerdings nur bei der Person Leopold. Wo sind die Beweise, dass Leopold wissentlich nationalsozialistisches Raubgut gekauft hat? schleudert er den vielleicht doch wissentlichen Rechtsbrechern entgegen - als wäre nationalsozialistisches Raubgut nicht auch zurückzustellen, wenn es der verdienteste private Kunstsammler der Republik unwissentlich erworben hätte. Bei so vielen Verdiensten kann er sich nicht alles zu wissen machen. Rechtswahrer Baumgartner: Dass man bis dahin den Anti-Leopold-Demonstranten zumindest einen Rechtsverstoß mehr nachweisen kann als Leopold selbst, ist in der Causa ein bezeichnendes und nicht unamüsantes Detail. Glänzend nachgewiesen - und so amüsant! (Günter Traxler, DER STANDARD; Printausgabe, 18.11.2008)

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