Gedränge um das zweite Leben

17. November 2008, 18:05
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Peter Ruzickas Oper "Hölderlin. Eine Expedition" an der Berliner Staatsoper unter der Linden uraufgeführt

Die Leuchtreklame an der Fassade der Staatsoper unter der Linden bewirbt noch die alten friedlichen Zeiten: "Uraufführung. Peter Ruzicka. Peter Mussbach", steht da, während das Programmheft schon auf den Konflikt reagiert hat.

In der Namensliste fehlt Librettist Mussbach. Als Intendant des Hauses war er schon vor einiger Zeit (nach einem Konflikt mit Musikchef Daniel Barenboim) zurückgetreten. Dann zog er sich als Regisseur der neuen Oper zurück. Und nun, einige Tage vor der Uraufführung von Hölderlin. Eine Expedition, protestierte er gegen als unzulässig empfundene Änderungen im Libretto, die der nunmehrige Regisseur Torsten Fischer mit eingefädelt hat.

Keine Autorisierung

Mussbach zog seinen Namen zurück, kolportiert wird auch seine Drohung, die Änderungen im Libretto auf Verletzung des Urheberrechts hin prüfen zu lassen. Das Programmheft weist denn auch darauf hin, dass die aufgeführte Version von Mussbach ausdrücklich nicht autorisiert wurde, wegen - wie es nicht ironiefrei heißt - "weiterer Einfügungen" von Hölderlin-Texten.

Keine Ahnung, ob der zürnende Librettist, hätte er der Uraufführung beigewohnt (Ruzicka hatte ihn noch extra eingeladen), sich wieder beruhigt hätte. Keine Opernbiografie hätte er erlebt. Dichter Hölderlin wird hier zu einer Art erzählendem Begleiter und Zeitdiagnostiker des enigmatischen, ins Heute ragenden Geschehens. Vereinfacht ausgedrückt hat man es mit einer Art Agatha-Christie-Konstellation zu tun: 13 Menschen findet sich in einer undurchschaubaren Situation wieder und begreifen langsam, dass ihnen ein zweites Leben geschenkt wurde. So klar, wie das klingt, wirkt es auf der Bühne allerdings nicht. Da wäre ja auch noch die Gruppe der Götter, welche die Toten zum Leben erweckt haben.

Es herrscht also gewaltiges Figurengedränge auf der Bühne, und man erlebt einiges: die Geburt des Sprechens, die in Massenstreit und -gewalt mündet, die Vermenschlichung der Götter, neu durchlebte biografische Momente, den Auftritt eines totalitären Systems und den Versuch einer Revolution samt Streit über diverse Zukunftskonzepte.

Schließlich landet im vierten Akt alles in einer idyllischen Sphäre, in der Raum und Zeit aufgehoben scheinen. Ein friedvoll-heiteres Ambiente steht für die umgesetzte Utopie eines mit dem Kosmos versöhnten Lebens. Ein Ort der Hoffnung. Nicht zu vergessen: Als „roter Werkfaden" fungiert auch noch die Beziehung Hölderlin/Empedokles (als historische und auch als von Hölderlin erfundene Figur).

Regen, Eis und Sommerhitze

So kommt es etwas verwirrend: In einem gleichsam die Jahreszeiten spiegelnden Bühnenbild mit Wasserfläche, Eis, Regen und brütender Hitze lösen sich Einzelfiguren aus dem etwas undefiniert wirkenden Ganzen, das womöglich eine Menschheitsgeschichte sein will, ohne Kompaktheit zu entfalten. Mehr Klarheit aus dem Orchestergraben: Ruzicka hat das Ganze mit schillernder und Extreme auslotender Musik zwischen Romantik-Assoziationen und klassischer Moderne versehen.

Der Chor produziert bedrohliche Flächen, im Orchester kehrt ein Verweis auf Wagner mehrmals wieder. Und: Katastrophische Verdichtungen treten als perkussiv geprägte Schläge in Erscheinung, begleiten Gesprochenes wie Gesungenes. Immer wieder düstere Adagio-Anklänge, Stille und vokale Passagen im erprobten Opernstil. Mitunter wird es ganz tonal-melodiös, dann wieder dominieren artifizielle, schrille Soundflächen. Die vielfache Repetition von Strukturen bringt zuweilen maschinelles Flair und sorgt auch für formale Organisation.

Am Ende, da die Figuren im Zwischenreich landen, übernehmen die Streicher mit einer insistierend-bohrenden Linie die Führung. Und hier nun endlich, spät, stellt sich auch etwas szenische Klarheit ein. Respektabler Applaus für die tolle Ensembleleistung und für Komponist und Dirigent Ruzicka. Mit der Ankunft des Regieteams aber dann einige Buhs, die Ruzicka - vortretend - auf sich nimmt, bevor er mit einem Anflug von Gekränktheit abgeht. Aber immerhin: Es ist vollbracht. /Ljubiša Tošic aus Berlin/(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18. 11. 2008)

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