Keine EU-Euphorie in Kroatien

17. November 2008, 18:02
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Erste repräsentative Umfrage auf dem Westbalkan bringt überraschende Ergebnisse

In Fragen zur künftigen Entwicklung und einer möglichen EU-Mitgliedschaft gibt es in den Ländern des Westbalkans eine klare Polarisierung: Während die Bürger der jüngsten Staaten Montenegro und Kosovo sehr optimistisch sind, herrscht in Kroatien, Serbien, Albanien, Mazedonien und Bosnien-Herzegowina eine pessimistische Stimmung vor.

Das geht aus der ersten repräsentativen Umfrage in diesen Ländern im Rahmen des Gallup-Balkan-Monitors hervor. Initiiert und finanziert wurde die Umfrage vom European Fund for the Balkans, der ein gemeinsames Projekt europäischer Stiftungen ist. Aus Österreich arbeitete die Stiftung der Erste Bank federführend mit, befragt wurden pro Land zumindest 1000 Bürger.

Besonders pessimistisch sehen die Kroaten die Zukunft ihres Landes und den Nutzen einer EU-Mitgliedschaft. Nur 29 Prozent sind der Meinung, dass eine EU-Mitgliedschaft eine gute Sache sei (in Österreich liegt dieser Wert bei rund 36 Prozent). 26 Prozent der Kroaten meinen, die EU-Mitgliedschaft sei eine schlechte Sache, und 38 Prozent halten den Beitritt weder für gut noch für schlecht.

Parallel dazu erwarten 61 Prozent der Kroaten, dass sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in ihrem Land in den kommenden Jahren verschlechtern würden, während es in Serbien nur 42 Prozent sind, im Kosovo nur 25 Prozent und in Montenegro nur 28 Prozent.

Robert Manchin von Gallup Europa führt die negative Stimmung in Kroaten auf die zum Teil "schmerzhaften Reformen" zurück, die dem Beitritt vorangehen würden. Im Gegensatz zum Pessimismus, was die Landeszukunft angeht, sind die meisten Kroaten mit ihrem Leben zufrieden: 23 Prozent sind "sehr zufrieden" , 49 Prozent "im Großen und Ganzen", 19 Prozent sind "nicht sehr zufrieden" , und neun Prozent sind "überhaupt nicht zufrieden" .

Die Kroaten fühlen sich auch deutlich besser über die EU informiert als die anderen Bürger am Westbalkan: 54 Prozent geben an, sehr gut oder gut informiert zu sein, während in Serbien 57 Prozent "nicht gut oder überhaupt nicht" über die EU informiert sind.

Sehr unterschiedlich ist auch die Einschätzung des Internationalen Gerichtshofes in Den Haag: Während 69 Prozent der Albaner und 68 Prozent der Kosovaren meinen, der Gerichtshof stärke Frieden und die Bemühungen zur Versöhnung, sind 53 Prozent der Kroaten und 64 Prozent der Serben der Meinung, durch die Gerichtsverfahren würden nur die Konflikte der Vergangenheit am Leben erhalten. (Michael Moravec aus Brüssel/DER STANDARD, Printausgabe, 18.11.2008)

 

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