Hoffnungslose Europäer brauchen Humor

17. November 2008, 17:44
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Sie wird durchaus erwidert, die Liebe der Ukrainer zu Europa - Das zeigten die gut besuchten Literaturtage der Alten Schmiede in Wien - Nur eben nicht von der offiziellen EU-Politik - Da hilft nur noch Humor

Wien - "Wien ist die Hauptstadt der Ukraine." Es war sarkastisch gemeint, was Bestsellerautor Andrej Kurkow ("Die letzte Liebe des Präsidenten" ) bei der Diskussion am Samstagabend in die vollen Ränge des Odeon aussandte. Das Publikum fühlte sich dennoch irgendwie geschmeichelt. Nicht mehr so ganz beim Nachsatz: "Wenn Österreicher in die Ukraine kommen, kommen sie nach Hause, wenn Ukrainer nach Österreich kommen, kommen sie als Gäste."

Kollege Juri Andruchowytsch ("Zwölf Ringe") berichtete über sein erstes Gasterlebnis in Wien, "der alten Hauptstadt Galiziens": "Ich dachte, hier können alle aus dem Ukrainischen zitieren, natürlich mit Wiener Akzent." Stattdessen wurde er, ausnahmsweise in der Tram ohne Fahrschein unterwegs und prompt erwischt, nicht als normaler Schwarzfahrer behandelt, sondern gleich zur Polizei gebracht.

"Ukraine - Zentrum Europas?" war das Thema, wohl in Anspielung darauf, dass zumindest die Westukraine (einst der Ostrand der Habsburgermonarchie) geografisch in der Mitte zwischen Atlantik und Ural liegt. Dass "europäisch" in der ukrainischen Öffentlichkeit ausschließlich positiv besetzt ist, berichteten Kurkow, Andruchowytsch und die Autorin Natalka Sniadanko unisono. Sniadanko: "Ein Euro-Tisch ist besser als ein normaler Tisch - und natürlich teurer."

Von der offiziellen EU-Politik wird diese Liebe nicht erwidert, was Grünen-Abgeordnete Ulrike Lunacek kritisierte: EU-Bürger reisen visafrei in die Ukraine, umgekehrt gilt das nicht.

Auch daran liegt es vermutlich, dass das Thema Europa von ukrainischen Politikern extrem instrumentalisiert wird, wie Andruchowytsch bedauernd feststellte. So wie die Debatte über die angebliche Bedrohung der ukrainischen und der russischen Sprache in der jeweils anderen Region.

Oder das nationale Trauma des "Holodomor", der durch Zwangskollektivierung der Landwirtschaft unter Stalin 1932/33 herbeigeführten Hungersnot mit geschätzten vier bis sieben Millionen Toten. "Eine der ganz großen Tragödien des 20. Jahrhunderts", mit der sich Europa ungeachtet der innerukrainischen Debatte befassen müsse, forderte der österreichische Autor und Ost-Spezialist Martin Pollack.  (Josef Kirchengast/DER STANDARD, Printausgabe, 18.11.2008)

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