Das Leben ist ein Heidenspaß

17. November 2008, 19:30
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Slayer, die millionenschwere kalifornische Institution in Sachen Kontrollverlust, Amok-Metal und Gotteslästerung, feierte im Gasometer ihr ewiges „Jein!" zur Welt

Wien - In einer Welt, in der der Weltuntergang seit jeher gern besungen, beschworen, herbeigebrüllt oder brüsk, aber doch auch halbheimlich ein wenig affirmativ abgelehnt wird, haben Krisen keine Chance. Eine Krise, und sei es auch nur eine läppische weltwirtschaftliche, dient höchstens als bloß weiterer Grund zur emotionalen Entladung. Zur Problemvertiefung: „Aaaaaaaaaargh! The gates of hell lie waiting as you see, there's no price to pay, just follow me! I can take your lost soul from the grave, Jesus knows, your soul can not be saved!"

Ein Schrei, so alt wie der Ärger über die Welt, das Dasein im Generellen - und über das Soseinmüssen im Daseinsertragen im Speziellen. Ernst ist nicht nur das Leben. Ernst ist auch die Kunst.

Slayer haben diese an den Grenzen von Anstand, Würde, Vernunft und persönlichen Umgangsformen wie auch am Watschenbaum der Sittlichkeit und der moralischen Festigung rüttelnde kulturelle Form der individuellen Entäußerung nach über einem Vierteljahrhundert im Geschäft mittlerweile auf die Spitze getrieben. Die Thrash-Metal-Band aus der kalifornischen Provinz sagt bei ihrem Schlachtfest im Wiener Gasometer sehr laut und sehr schnell, ungehobelt wie hochpräzis „Jein!" zur Welt.

Sadomelancholie

Flesh Storm, War Ensemble, Chemical Warfare, Ghost of War leiten das im Zeichen von geraden (16/16-Takte) und ungeraden (17/8-Reibereien) metrischen Restnormen stehende Set zivilisationskritisch als 15-minütiges Blockseminar ein. Disciple, Cult, Dittohead deuten die menschliche Unbequemlichkeit ins Persönliche - um darauf mit dem 9/11 geschuldeten Wellenbrecher Jihad das Mark gefrieren zu lassen. Bassist und Brülltier Tom Araya, der katholischste unter den vier zumindest agnostisch veranlagten Mittvierzigern, dehnt donnergurgelnd die Stimmbänder und bereitet uns Schmerzen. Die Gitarren leiden schließlich auch im von der Klassik entlehnten Hummelflug-Tempo.

Seit den frühen 80er-Jahren führen Slayer den Nihilismus von Punk und Hardcore mit klassischen Metal-Prototypen wie Judas Priest zusammen und frisieren das Ganze zu einer bis heute kaum kopierbaren Wucht und Brutalität auf. Klassische, auch beim Wien-Konzert gern bemühte Alben wie das große, mächtige Reign In Blood, South Of Heaven oder Seasons In The Abyss künden davon. Gerade auch live bei tüchtig überzogener Lautstärke. Wer einst mit Diabolus In Musica ein ganzes Album lang dem Tritonus, also der übermäßigen und früher als „Teufelsintervall" bezeichneten Quarte als größtmöglicher Dissonanz im herkömmlichen Dur-Moll-System widmete, meint es ernst. Verdammt ernst, mutterschänderisch seriös!

Araya, die Gitarristen und „Köpfe" Jeff Hanneman und Kerry King sowie Wunderschlagzeuger Dave Lombardo leiten von den thematisch an Gebiete südlich des Himmelstores gebundenen Teufeleien wie den besagten Titelsongs der Alben South Of Heaven und Seasons In The Abyss und der verwunschen sadomelancholischen Klage Live Undead über zum Finale.

Im dritten großen Themenblock geht es um Serienkiller und Massenmörder, Perversion, Tod und Schande. Nach wie vor bricht sich die rhythmische Raserei an schweren Zwischenakkorden und kräuselt blutgetränkte Schaumkronen in den streng nach Dienstplan aufgeteilten Soli-Parts von Hanneman und King. Dead Skin Mask, Raining Blood, Angel Of Death. Schluss mit lustig. Wenn es denn da oben oder unten eine Hallelujah oder „God damn it" fordernde Macht geben sollte: Beide können sich bei einem Slayer-Konzert gern zwei oder drei Watschen abholen. Diese Musik ist nicht in der Krise. Diese Musik ist die Krise! Slayer sind nicht der Arzt, Slayer sind der Schmerz.

Das vorwiegend männliche und noch voll im Leben stehende Publikum wirft nun die Arme in die Luft und den Genierer zu Boden. Die Nasszellen sind laut Klischee zentimeterhoch geflutet, die Bierbecher Richtung Bühne geworfen. Die wenigen anwesenden Frauen, die heute ausnahmsweise einmal mit dem Auto nach Hause fahren dürfen (und zwar am Steuer!), blicken missmutig auf die Uhr und dann auf ihre Begleitung. Die ist schon wieder weg. Draußen vor dem Saal noch ein letzter Kräutertee mit den 40 besten Freunden! Wie heißen die noch mal? Egal. Hoch die Tassen!

Ja, ein Konzert von Slayer ist ein Heidenspaß. Für Christen ist das aber nichts. Abgesehen von den widrigen Kräutertee-Umständen machen Slayer noch immer die gefährlichste Musik des Planeten. Und es besteht keine Mitsing- und Wunderkerzengefahr. Mehr als kein Niveau kann man sich von Rock 'n' Roll nicht erwarten. (Christian Schachinger/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18. 11. 2008)

  • Tom Araya und die kultisch verehrten kalifornischen Metal-Wüteriche
Slayer befrieden den Wiener Gasometer mit der brutalsten und natürlich
tollsten Musik der Welt: „Aaaaaargh!"
    foto: standard/fischer
    Foto: Fischer

    Tom Araya und die kultisch verehrten kalifornischen Metal-Wüteriche Slayer befrieden den Wiener Gasometer mit der brutalsten und natürlich tollsten Musik der Welt: „Aaaaaargh!"

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