Mehr als nur Randgruppenpolitik

17. November 2008, 16:36
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Weniger Streit, mehr Inhalte, bitte: Behindertenpolitik ist nicht nur Aufgabe der Regierung, sondern auch der Medien und Betroffenen

Wussten Sie, dass mit 20 Prozent die Armutsgefährdung von behinderten Menschen fast doppelt so hoch ist wie die von Nichtbehinderten? Dass über 60 Prozent der Menschen mit Behinderung zumindest manchmal aufgrund ihrer Beeinträchtigung Probleme in der Arbeit oder in der Freizeit haben? Oder, dass das Internet vom barrierefreien Zugang noch weit entfernt ist?

Falls Sie es nicht wussten, liegt das wahrscheinlich an den Schlagzeilen der letzten Wochen und Monate. Koalitionsstreit hin, Finanzkrise her. Die Lebensmittel werden teurer, viele Arbeitsplätze wackeln. Am Stammtisch redet man über ungerechtfertigte Managergehälter, unter Freundinnen über ungerechte Bezahlung von Frauen. Über solche Themen redet es sich leichter, und solche Themen finden in den Medien mehr Aufmerksamkeit.

Die Distanz zum Thema Behinderung ist in unserer Gesellschaft noch immer groß. Je mehr darüber geschwiegen wird, desto mehr entsteht der Eindruck, dass eh alles okay ist. Desto mehr besteht auch die Gefahr, dass Behindertenpolitik zur Randgruppenpolitik wird. Dabei ist der Großteil der behinderten Menschen durch seine soziale Situation von der Teuerung oder der Finanzkrise noch mehr betroffen als die durchschnittliche Bevölkerung.

Natürlich wäre es wünschenswert, mehr behinderte Menschen in die Bundespolitik zu bringen. Im Falle der SPÖ und der Grünen war anscheinend der Wille da, aber die Stimmen zu wenig. Es hilft jedoch nicht darüber zu streiten, wer Behinderte vertreten darf und wer nicht.  Viel wichtiger ist, dass sie vertreten werden. Für die Behindertenbewegung selbst heißt das, dass sie wieder lauter werden muss. Für die PolitikerInnen heißt das, dass sie endlich zu streiten aufhören sollen, zum Tagesgeschäft übergehen sollen und wieder über inhaltliche, soziale Themen diskutieren sollen. Für die Medien heißt das, sich nicht nur auf massentaugliche Themen zu konzentrieren. Und für uns alle heißt das, zuzuhören, zu lesen und nicht wegzuschauen. Dieser Kommentar leistet einen Beitrag dafür. (Elisabeth Oberndorfer/derStandard.at, 17. November 2008)

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