"Die Gespräche mit Peking haben die Tibeter komplett frustriert"

17. November 2008, 16:21
120 Postings

Der polnische Tibet-Experte Adam Koziel glaubt nicht, dass die Dharamsala-Gespräche zu einer Radikalisierung unter Tibetern führen werden - Ein derStandard.at-Interview

Zum ersten Mal seit 1991 hat der Dalai Lama zu einer großen Debatte ins indische Dharamsala gerufen, um über die zukünftige Strategie des tibetischen Widerstandes zu beraten. Der Dalai Lama, geistiges Oberhaupt der Tibeter, hat sich zuletzt frustriert gezeigt und mehrfach angekündigt, sich aus der Öffentlichkeit zurückziehen zu wollen. Der polnische Menschenrechtsaktivist Adam Koziel leitet die Tibet-Abteilung im Warschauer Büro der Helsinki Stiftung für Menschenrechte und engagiert sich seit Jahren für die Belange der Tibeter. Im Interview mit derStandard.at erklärt er, warum er nicht an eine Radikalisierung der Tibeter glaubt.

****

derStandard.at: Der Dalai Lama hat gesagt, seine Bemühungen um den sogenannten Mittelweg wären gescheitert, nun sollten die Jungen ans Ruder. Könnte dies zu einer Radikalisierung der tibetischen Bevölkerung führen?

Adam Koziel: Es gibt definitive eine Spaltung innerhalb der tibetischen Bevölkerung, nicht nur zwischen Jung und Alt. Es ist ein bisschen so wie in Polen während des Kommunismus: die Verfassung wäre zwar gut, nur die Umsetzung ist es nicht. Wenn man sich einzelne Abschnitte der chinesischen Verfassung ansieht, wo etwa Minderheitenrechte zur Sprache kommen, fragt man sich, wo für die Tibeter die Probleme sind. Die Realität sieht natürlich anders aus. Der Dalai Lama spricht sich seit den 70er-Jahren für diesen so genannten Mittelweg zwischen Unabhängigkeit und dem Status Quo aus. Und genauso lange gibt es Stimmen, die ihm den Ausverkauf tibetischer Interessen vorwerfen. Aber von einer Radikalisierung zu sprechen, halte ich für übertrieben.

derStandard.at: Das Pekinger Regime wirft dem Dalai Lama vor, China spalten zu wollen, eine Theokratie anzustreben und Han-Chinesen vertreiben zu wollen. Wie radikal sind Exiltibeter, die sich im indischen Dharamsala treffen, wirklich?

Adam Koziel: Diese Vorwürfe sind schon ziemlich bizarr. Dabei fordert Seine Heiligkeit einzig die Umsetzung der entsprechenden Artikel der Verfassung der Volksrepublik China. Daraus einen Aufruf zur Spaltung des Landes abzulesen, ist absurd. Außerdem muss man bedenken, dass der Dalai Lama seit seiner Flucht aus Tibet die exiltibetischen Strukturen konsequent demokratisiert hat, etwa indem der gewählte Exil-Premier ein sehr starkes Mandat hat. Das sieht man aber auch daran, dass er jetzt zu einer großen Debatte über die Zukunft Tibets gerufen hat. Wahr ist sicher, dass das Wort des Dalai Lama nach wie vor bei den Tibetern in Tibet und im Exil ein riesiges Gewicht hat. Aber wirkliche Radikale werden Sie, vielleicht von einigen isolierten Individuen abgesehen, dort nicht finden.

derStandard.at: Was bedeutet der Abbruch der Gespräche zwischen der chinesischen Regierung und dem Dalai Lama?

Adam Koziel: Eigentlich wurde ja bisher schon nur über weitere Gespräche gesprochen. Die chinesische Seite geht praktisch keine Konzessionen ein. Dabei versuchen die tibetischen Delegationen seit Jahren, für eine gute Atmosphäre zu sorgen, etwa indem sie ihre Anhänger rund um die Welt auffordern, von Demonstrationen Abstand zu nehmen. Nach der achten Runde dieser Gespräche war klar, dass die Gesandten des Dalai Lama wegen des Stillstands in den Verhandlungen komplett frustriert waren.

derStandard.at: Es ist noch immer sehr schwer, unabhängige Informationen aus Tibet zu beziehen. Sind die Berichte, die wir bekommen, überhaupt glaubwürdig?

Adam Koziel: Das ist eine schwierige Frage. Fest steht, dass es kaum Bewilligungen für Reporter gibt, ins Land zu fahren und sich umzusehen. Zum anderen wagt es kaum ein Tibeter, mit ausländischen Journalisten zu sprechen, aus Angst vor Repressionen. Und was NGOs betrifft, versuchen diese normalerweise, immer auch eine zweite Quelle für Gesagtes aufzutreiben, was im Falle Tibets kaum möglich ist. Trotzdem sind mir aus den vergangenen Monaten bisher kaum Berichte bekannt, deren Inhalt als falsch widerlegt worden wäre. (flon/ derStandard.at, 17.11.2008)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Hunderte Tibeter versammeln sich im indischen Dharamsala.

Share if you care.