Rundschau: Turm zu Babel, Dachetage

    20. Dezember 2008, 16:04
    6 Postings

    "Blutmusik", "Battle Royale", "Der Name des Windes", "Die Zwerge von Amboss" sowie Bücher von John Ajvide Lindqvist, Ralf Isau und dem großen Ted Chiang

    Bild 5 von 8
    coverfoto: piper

    Thomas Plischke: "Die Zwerge von Amboss"

    Broschiert, 491 Seiten, € 9,20, Piper 2008.

    Don't judge a book by its cover, wie schon Frank'n'Furter sagte: Es scheint paradox, den Mehrwert eines Buchs im Klappentext zu verschweigen. Der liegt in diesem Fall darin, dass es sich nicht um eine Fortführung der mit Tolkien populär gewordenen und durch die Rollenspiel-Tradition festgebackenen Zwergen-Stereotype handelt. Dafür gäbe es ja unter anderem Markus Heitz' "Zwerge"-Mehrteiler oder gar Dennis L. McKiernans "Iron Tower"- und "Silver Call"-Reihen. - Vermutlich zielt der Klappentext primär auf ebendieses Publikum ab, das gern immer noch mehr vom Selben hätte. Allen, die bei Stichwörtern wie "Zwerge" oder "Halblinge" nur noch gelangweilt mit dem Fuß wippen, sei aber gesagt: "Die Zwerge von Amboss" führen ein etwas anderes Leben als die rauschebärtigen Axtschwinger anderer AutorInnen.

    Am polaren Kontinent ihrer Welt haben sie sich eine Industriegesellschaft Typ 19. Jahrhundert aufgebaut, inklusive Eisenbahnnetz, Presse, ausgeprägter Bürokratie und einem Einheitslohn-System. Im Arbeiter- und Bauernstaat des Zwergenbunds regiert vielleicht der Oberste Vorarbeiter, doch es herrscht die Vernunft: Längst hat man die Bande der Religion abgestreift - ganz anders als auf dem südlichen Nachbarkontinent, wo die Menschen hausen und sich in endlosen Glaubenskriegen selbst zerfleischen. Kein Wunder, dass von dort schiffsladungsweise Flüchtlinge eintreffen - mit der Folge, dass das planvoll gestaltete Wirtschaftssystem im real existierenden Zwergensozialismus zunehmend in Schieflage gerät. Die Migrationsthematik zieht sich wie ein roter Faden durch den ganzen Roman - manchmal ein wenig plakativ, nichtsdestotrotz aber wie ein frisches Lüftchen im Genre. Überhaupt lässt sich der Roman des Hamburger Autors Thomas Plischke nur mit Einschränkungen als "Fantasy" bezeichnen: Ersetzte man Zwerge, Halblinge usw. durch eigene Namensschöpfungen, wäre es eine Alternativweltgeschichte, vielleicht Steampunk - nicht zuletzt aber ein Krimi.

    Polizeibeamter Garep Schmied ermittelt im Fall des Mords an einem Komponisten, der gerade eine Hymne zu Ehren des Fleißes und der Schaffenskraft des Zwergenvolks verfasste - es wird nicht der einzige Fememord an prominenten Zwergen bleiben, und Menschen sind die Hauptverdächtigen. Ein zweiter Handlungsstrang dreht sich um den - menschlichen - Auftragsjäger Siris, der auf dem Südkontinent gefährlichen Tieren nachstellt und in Richtung Norden zu seiner Schwester zieht, als ihm die mühsam eingeschmuggelte Munition für sein Zwergengewehr ausgeht. Auf der dritten Ebene wird der zwergische Chirurg bzw. Leiböffner Himek Steinbrecher in Gewissensnöte gestürzt, als er erkennen muss, dass der Chefarzt der psychiatrischen Klinik, in der er arbeitet, dunkle Experimente mit Menschen und Halblingen durchführt. Die gönnerhafte Einstellung der Zwerge gegenüber ihren "minderen" Vettern zeigt hier ihr hässlichstes Gesicht.

    Die drei Handlungsstränge treffen mit einigen Überraschungseffekten genau in der Mitte des Romans - das nennt man exakte Komposition - aufeinander; von da an geht es unter den Vorzeichen politischer Verschwörungen und eines heraufziehenden Krieges in neuen Personenkonstellationen weiter. Der eigentliche Plot ist damit weniger ungewöhnlich als das Setting - aber spannend und in zwergengemäß recht derber Sprache passabel erzählt: Wird interessant sein zu sehen, wie es weitergeht (vielleicht beim nächsten Mal mit einem geglückteren Titelbild). "Die Zwerge von Amboss" ist kein abgeschlossener Roman, sondern bildet den Auftakt zu einer Serie, die nach dem politischen Chaos in der Menschen-Domäne "Die Zerrissenen Reiche" betitelt ist.

     

    weiter ›
    Share if you care.