"Kahlschlag" im ORF-Programm

17. November 2008, 15:15
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Das ORF-Budget für 2009 sieht weniger Geld für die Filmproduzenten vor - Stiftungsräte vermissen strategische Visionen und zweifeln, ob der ORF diesen Finanzplan umsetzen kann

Der nächste Aufstand der (Film-)Produzenten lässt sich absehen: 2007/08 halfen sie dem ORF bis hinauf zum Kanzler, 9,4 Prozent höhere Gebühren durchzuboxen. Schon im Budget für 2009 kappt der Küniglberg ihr Auftragsvolumen von 100 auf 80 Millionen Euro. Der ORF wünscht sich nun von der Regierung, sie möge ihm 58 Millionen an Gebührenbefreiungen abgelten. SPÖ und ÖVP winkten vorerst ab.

Montag erhielten die Stiftungsräte den Finanzplan 2009. Er bestätigt die 29 Millionen budgetiertes Minus für den ORF-Konzern, von denen DER STANDARD schon berichtete. Für heuer waren 36,5 Millionen Verlust geplant. Nun werden es - aktueller Stand - 100 Millionen: Finanzergebnis pulverisiert, Werbung bricht weg.

Strukturelle Sparmaßnahmen will die ORF-Führung den Stiftungsräten Ende November vorlegen. Die Auslagerung des Symphonieorchesters etwa, des Gebäudemanagements, womöglich auch der Ausstattung und Grafik.

Im laufenden Geschäft verspricht der ORF 84,7 Millionen weniger auszugeben als heuer (Gesamtaufwand: 952,5 Millionen):

  • Auftragsproduktionen, siehe oben: minus 20 Millionen.
  • TV-Direktionen sollen 13 Millionen (abseits des Personals) sparen.
  • Personal Der ORF kalkuliert mit einer Nulllohnrunde, verhandelt wird erst. Automatische Vorrückungen kosten jedenfalls rund zehn Millionen. Von heuer geplanten 375 Millionen Euro (zehn Millionen extra müssen die Pensionskassen nachdotieren) steigen die Personalkosten laut Plan auf 380 Millionen. Der ORF spart rund 30 Jobs ein, die Töchter stocken rund 30 Jobs auf. Unter dem Strich werden 2009 laut Plan zwei von rund 4500 Jobs gespart.
  • Verwaltung, Sendung, Betrieb sollen 6,8 Millionen weniger kosten, der ORF verhandelte etwa seine Sendertochter ORS herunter.
  • Großereignisse Die größte Sparmaßnahme ist keine Leistung des ORF: An die 30 Millionen, weil weder Fußballgroßevents noch Olympische Spiele. 2010 freilich kehren diese Probleme zurück. Die Champions League ist (jedenfalls zu bisherigen Kosten) gestrichen, DER STANDARD berichtete.

Extra kosten werden indes die Skiweltmeisterschaften (7,3 Millionen) und die nächste Staffel "Dancing Stars" (5,3 Millionen), zudem der wintersportliche "Das Match"-Nachfolger "Das Rennen", Schwerpunkte zum Zweiten Weltkrieg und zum Ende des Eisernen Vorhangs 1989. Für Fernsehfilm budgetiert der ORF 32,5 Millionen.

Die Einnahmen

Der ORF (ohne Töchter) rechnet 2009 mit einem Umsatz von 876,1 Millionen; 10,8 Millionen weniger als nun für heuer erwartet.

  • Gebühren sollen 527,7 Millionen bringen, dank ganzjähriger Wirkung der Gebührenerhöhung 23,8 Millionen mehr als heuer.
  • Werbung 253,4 Millionen, 15,6 Millionen weniger als 2008 erwartet. Der ORF rechnet damit, dass sein Anteil an der TV-Werbung von 52 auf 49 Prozent sinkt.
  • Finanzergebnis 18 Millionen geplant; heuer erwartet der ORF inzwischen null statt 40 Millionen. Die Eigenkapitalquote sinkt von 21 Prozent auf 17 Prozent (im Konzern: 18). Anno 2000: 31 Prozent.

Für VP-Stiftungsrat Franz Medwenitsch beweist der Finanzplan "Ängstlichkeit und strategische Visionslosigkeit" des ORF: Umsätze sinken, Personalkosten steigen leicht, aber bei Programmkosten „mit mehr als 70 Millionen Euro echter Kahlschlag": "Ich zweifle an der Umsetzbarkeit dieses Budgets, Papier ist geduldig." (Harald Fidler, DER STANDARD; Printausgabe, 18.11.2008)

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    Unter dem Strich zwei Jobs weniger von 4500: ORF-Chef Alexander Wrabetz.

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