"Überprüfung der Zumutbarkeitsregeln sinnvoll"

17. November 2008, 13:20
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AMS-Chef Buchinger erwartet 20.000 mehr Arbeitslose

derStandard.at: Der Boom auf dem Arbeitsmarkt geht offenbar dem Ende zu. In welchem Ausmaß rechnen Sie mit einer Steigerung der Arbeitslosigkeit?

Herbert Buchinger: Wir rechnen 2009 mit ca. zehn Prozent, also rund 20.000 Arbeitslosen mehr.

derStandard.at: Das Wifo hat ein Horrorszenario von 100.000 Arbeitslosen mehr berechnet.

Buchinger: Das ist eine rein theoretische Zahl. Die würde man erreichen, wenn jetzt nichts passiert. Aber davon ist nicht auszugehen. Wenn die Politik jetzt rasch reagiert - mit entsprechenden Konjunkturpaketen - und Maßnahmen auf verschiedenen Ebenen in Angriff genommen werden, werden wir den Zuwachs bei unter 20.000 eindämmen.

derStandard.at: Wieviel werden die von Ihnen erwarteten 20.000 Menschen dem AMS kosten?

Buchinger: 255 Millionen Euro im Jahr - ohne die Fördermaßnahmen - also nur die Lebenssicherungskosten. Der Staat muss also auch ökonomisch hoch motiviert sein, die Zahl so niedrig wie möglich zu halten, denn Arbeitslosigkeit kostet dem Staat viel Geld.

derStandard.at: Die Autozuliefererbranche scheint besonders betroffen zu sein. In welchen Branchen rechnen Sie sonst am ehesten mit einem Anstieg?

Buchinger: Nach der Autozuliefererindustrie wird es im Laufe von 2009 die Bauwirtschaft treffen. Zunächst das Gewerbe, später auch die Industrie. Aber das wird - wie gesagt - auch davon abhängig sein, wie schnell die neue Regierung und die Gemeinden gegensteuern mit Konjunkturpaketen und Maßnahmen wie etwa die thermische Sanierung über die BIG.

derStandard.at: Mit der abschwächenden Konjunktur werden es vermutlich Unqualifizierte noch schwerer haben am Arbeitsmarkt. Welche Pläne haben Sie für diese Leute in schwierigen Zeiten?

Buchinger: Annähernde Vollbeschäftigung in diesem Bereich ist nur in der Hochkonjunktur zu erreichen. Wir werden die AMS-Förderung wieder ausbauen. Da können wir auf eigene Rücklagen von 200 Millionen Euro zurückgreifen. Wenn dann die Regierung noch die eine oder andere Million drauflegt, sind wir gut gerüstet.

derStandard.at: AMS-Kunden beklagen immer wieder "in unnötige Kurse" geschickt zu werden, aber auch mangelnde Service-Qualität des AMS. Müssen sich Ihre "Kunden"
in den wieder härter werdenden Zeiten auch seitens des AMS auf eine "noch härtere Gangart" einstellen?

Buchinger: Die Kurse werden wir nicht nur quantitativ ausbauen, sonder weiter qualitativ verbessern, sodass das Angebot für die Arbeitsuchenden attraktiver wird und wir weniger mit Druck arbeiten müssen.

derStandard.at: Karl-Heinz-Kopf hat sich eine Verschärfung der Zumutbarkeitsbestimmungen für Arbeitslose gewünscht. Was halten Sie von der Idee?

Buchinger: Eine Überprüfung bzw. Evaluierung der (seit Anfang 2008 neu) geltenden Zumutbarkeits- und Verfügbarkeitsregeln im AlVG halten wir vom AMS für sinnvoll. Davon werden auch Veränderungen abzuleiten sein. Von Schnellschüssen - vielleicht noch anlassbezogen - raten wir ab. Das hat in den vergangenen Jahren nur zu einer kaum vollziehbaren und kaum kommunizierbaren Kasuistik im Regelungsbestand geführt. Also: statt permanenter "Verschlimmbesserung" eine nachhaltige Reformdiskussion mit dem Ziel, breit akzeptierte Regeln aufzustellen, die dann wenigstens fünf Jahre halten! - Das macht Sinn.

derStandard.at: Kein Licht ohne Schatten. Denken Sie, wird jetzt aus dem Facharbeitermangel, der jetzt so lange ein Problem war, ein Facharbeiterüberschuss?

Buchinger: Wenn man das positiv sehen will - was wir aber nicht tun - ja, im ersten Quartal wird sich der Facharbeitermangel völlig legen. Aber für die Betriebe zahlt es sich immer noch aus auszubilden.

derStandard.at: Die Zahl der jungen Arbeitslosen ist schon im Oktober im Jahresabstand um 2,6 Prozent angestiegen, die Zahl der offenen Lehrstellen um sechs Prozent gesunken. Die „Randgruppen" werden vermutlich wieder besonders hart betroffen sein.

Buchinger: Ja, auch bei den über 50-Jährigen wird sich das wieder bemerkbar machen. Was Jugendliche betrifft, so werden wir wieder zunehmend die gesamte Ausbildung finanzieren, bis jetzt haben wir vielfach die Vorbereitung auf eine Lehrstelle übernommen.

derStandard.at: Wie soll sich das auf die Zahlen auswirken?

Buchinger: Wir wollen auch bei den „Randgruppen" im Durchschnitt bleiben. (Regina Bruckner)

 

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    Herbert Buchinger: Wenn die Politik jetzt rasch reagiert - mit entsprechenden Konjunkturpaketen -  werden wir den Zuwachs bei unter 20.000 eindämmen.

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