Stigma einer "Kindsmörderin"

18. November 2008, 00:01
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Mitarbeiter von Human Life International sehen in jeder Frau im gebärfähigen Alter eine Abtreiberin, wenn sie eine Beratungsinstitution wie Gynmed oder pro:woman aufsucht – Für diese Zumutung gibt es eine Zitrone

Jetzt habe ich endlich auch einen! Einen von diesen schnuckelig kleinen Plastikföten, den so genannte "Lebensretter" der Organisation Human Life International (HLI) Frauen aufdrängen, wenn sie ein sexualmedizinisches Ambulatorium für Schwangerenhilfe und Familienplanung betreten. Zu welchem Zweck die Frauen diese Einrichtungen aufsuchen, interessiert die HLI-Mannen nicht. Gründe gibt es viele - von der Beratung über Verhütungsmethoden, Sterilisation, kleinere Operationen bis zu einem Vorstellungsgespräch oder wie in meinem Fall ein Recherche-Besuch. In den Köpfen der "Ja zum Leben"-Mitarbeiter blinkt jedoch lediglich ein Alarmsignal und das heißt Abtreibung!

Ich habe ihn mir also in die Hand drücken lassen, diesen kleinen fleischfarbenen Fötus in Embryonalstellung. Zusammen mit einem Packen an so genanntem Informationsmaterial. Seine Glätte fühlt sich gut an und wenn ich die Hand zur Faust schließe, passt er sich nach kurzer Zeit meiner Körpertemperatur an. Frau könnte ihn beinahe für einen Glücksbringer halten. So wie diese Amulette in früheren Zeiten. Dazu ist dieser Plastikfötus nicht bestimmt. Im Gegenteil. Er soll die Frauen beunruhigen, sie erschrecken, ihnen Angst einflößen. Alleine seine Größe von fünf Zentimetern und sein Baby ähnliches Aussehen könnten dies vermögen.

Bis zur zwölften Schwangerschaftswoche, in der Abbrüche legal vorgenommen werden dürfen, kann ein Embryo weder diese Größe noch dieses menschenähnliche Aussehen erreichen. Aber das ist ja nur eines der Schauermärchen, welche HLI einsetzt, um den Frauen Schuldgefühle einzupflanzen. Im Folder dieser Organisation werden irreale Gruselbilder von überdimensional entwickelten Föten nach Abtreibungen gezeigt und seitenweise sowohl physische als psychische, zum überwiegenden Teil haarsträubende und aus der Luft gegriffene Komplikationen aufgelistet, zu denen es nach einem Abbruch kommen würde.

Diese Panikmache mit Unwahrheiten ist nicht bloß eine enorme Zumutung für jede Frau, die ein Ambulatorium betreten möchte, sie stellt einen ungeheuerlichen Übergriff auf die Freiheit der Person und ihr Selbstbestimmungsrecht dar. Ungeheuerlich auch im politischen Sinn der gesetzlich festgelegten Fristenregelung. Dass sich jede Frau gefallen lassen muss, als potenzielle "Kindsmörderin" angesehen zu werden, ist unhaltbar. Egal, ob sie eine Abtreibung durchführen lässt oder aus einem anderen Grund eines der Ambulatorien aufsucht. 
(dabu/dieStandard.at, 18.11.2008)

 

  • So sieht der fünf Zentimeter große Plastikfötus aus, der Frauen vor einem der Ambulatorien wie Gynmed oder pro:woman aufgedrängt wird.
    Foto: dabu/dieStandard.at

    So sieht der fünf Zentimeter große Plastikfötus aus, der Frauen vor einem der Ambulatorien wie Gynmed oder pro:woman aufgedrängt wird.

  • Dazu wird so genanntes "Info"-Material mit gruseligen Bildern und ebensochen Inhalten von HLI verteilt.
    Foto: dabu/dieStandard.at

    Dazu wird so genanntes "Info"-Material mit gruseligen Bildern und ebensochen Inhalten von HLI verteilt.

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