Toleranzzone

17. November 2008, 18:23
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M. ist da über etwas drüber gefahren. Mit dem Fahrrad. Er weiß zwar nicht, was es ist - aber er will mehr davon

Es war gegen Ende der vergangenen Woche. Da schickte mir M. ein Mail. Und obwohl ich mittlerweile mit ein paar Leuten darüber diskutiert habe, was M. gesehen und gemeint haben könnte, bin ich immer noch so ratlos, wie in dem Augenblick, als ich M.s Mail das erste Mal gelesen hatte.

Nur: Das macht nichts. Genauso wenig, wie der Umstand, dass Kollege Google zu dem, was M. beschreibt, genauso wenig auch nur annähernd Passendes einfällt, wie den Kameraden von Wikipedia. Oder den beamteten Verschlagwortern der Suchmaschinen der Rathauskorrespondenz. Oder den digitalen Suchmeistern im Standard-Agentur- und Redaktionsarchiv. Und da M. - ich kenne ihn nicht - bisher auch auf meine Antwort nicht geantwortet hat, weiß ich auch nicht, ob ich ihn nicht doch missverstanden habe. Und deshalb nach dem falschen Begriff gefahndet habe.

Schräge Linien

Denn zum Begriff "Toleranzzone" findet man im Netz eine Menge aus den Bereichen Prostitution. Viel zu Tempo- und anderen Messungen. Ein bisserl Medizin. Und auch ein paar Verbindungen zur Drogenszene am Karlsplatz. Aber nichts zu schraffierten Flächen oder zu Weiß-blauen-Linien am Alsergrund.

Aber - wie gesagt - eigentlich macht das nichts. Denn interessanter als die (vermutlich ohnehin recht schlichte) Antwort auf M.s Frage, ist die Idee, die M. da zwischen und in die Zeilen seines Mails pflanzte. Und mit der er bei mir ein wenig jenes Herzausreisser-Gefühls verursachte, das ich spürte, als ich - vor gefühlten 200.000 Jahren - das erste Mal Hansi Lang auf der Bühne stehen sah - und er mir und meinen Mittelschulfreunden sein "Keine Angst" an den Kopf knallte.

Damals sahen wir uns an und fanden, dass Herr Lang recht hatte. Mitten im Kalten Krieg. Mitten in der ersten Öko- und Atomkraft-Hysterie. Mitten in der Pubertät. Da sagte einfach einer "Keine Angst" - und wir wohlbehüteten Wohlstandsbubis waren in den Monaten darauf nicht unbeteiligt daran, dass der Halbsatz an etlichen Fassaden auftauchte. (Angst - das nebenbei - hatten wir natürlich trotzdem. Und zu all unseren Teenage-Ängsten kam jetzt auch noch die dazu, dass uns irgendwann irgendwer beim Wände-Anmalen erwischen könnte. Das wäre trotz all der Anwalts-, Primarius- oder Industriellen-Papis unangenehm geworden.)

M.s Mail

Aber zurück zu M.s Mail: "Radelnd", schreibt er, "war ich heut´ unterwegs - bei der Rossauerkaserne runter zum Donaukanal. Und da bin ich drübergefahren über die Toleranzzone - d. h. über weiße und blaue Streifen quer über den Weg mit Aufschrift "Toleranzzone". Verkehrsschild gibt's, glaub ich, keines dazu. Schön dacht´ ich, Toleranz ist immer gut. Doch schon beim Besuch der U4-Station Rossauerlände endet die beispielsweise wieder.
Was ist eine Toleranzzone?
Sollt es was Gutes sein, empfehle ich solche Streifen bei allen Einfahrten nach Wien - und nicht nur auf einem Stückerl Donaukanal."

Soweit M.s Mail. Und beinahe hätte ich mich aufs Rad gesetzt um selbst Nachschau halten. Aber dann habe ich das doch bleiben lasse. Weil M. Recht hat: Es geht nicht um ein paar Streifen beim Donaukanal - sondern um die Idee einer Schraffur über der ganzen Stadt. Und ob das ein naiver Traum ist oder wie ein Brief an das Christkind klingt, ist mir eigentlich vollkommen egal. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 17. November 2008)

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