
Charles Darwin (Philipp Hauß) und Kapitän FitzRoy (Moritz Vierboom, re.) durchkreuzen das Packeis Patagoniens. Stoffseehunde grüßen.
Wien - Expeditionen auf hoher See sind in der modernen Dramenliteratur selten. Selbst in Shakespeares Sturm hat das Personal von Beginn an festen Boden unter den Füßen. Gaston Salvatores Charles-Darwin-Stück Feuerland, soeben im Kasino des Burgtheaters uraufgeführt, ist da eine Ausnahme. In atmosphärisch dichten Regieanweisungen, die "atlantische Stürme" und "Verwüstungen von Wind und Wasser" einverlangen, beschreibt der chilenische Dichter die Expeditionsfahrt Charles Darwins nach Patagonien 1831.
Auf dieser Reise erforschte der junge Naturkundler (Philipp Hauß) die Grundlagen seiner späteren Evolutionstheorie. Seiner Überzeugung nach ist der Mensch ein von seiner Umgebung vollständig determiniertes Wesen. Kapitän FitzRoy (Moritz Vierboom) hingegen betrachtet Menschen als kulturell umprägbar. Als lebendes Beispiel dafür befindet sich an Bord der in England zum guten Christen umerzogene Feuerländer Jemmy Button, der nun gesellschaftliche Verhaltenskodices in Patagonien installieren helfen soll.
Im Widerstreit dieser beiden Überzeugungen liegt der Kern des Stücks. In ihrer reichhaltigen installativen Inszenierung hat Regisseurin Tina Lanik aber vor allem auf kluge Weise den kolonialistischen Blick kenntlich gemacht. Indem sie die Figur des Feuerländers Button gestrichen bzw. auf die beiden anderen Protagonisten aufgeteilt hat.
Jemmy Button existiert hier also nur in unserer, d. h. westlich geprägten Vorstellung. Deshalb liegen Pocahontas-Puppen wie im unaufgeräumten Kinderzimmer herum, inmitten aller anderen spielerischen Abenteuer-Utensilien wie Stoffseelöwen oder dem Schiffsmodell in der Glasvitrine. Um alle Schauplätze ins Spiel zu bringen, vergrößern Filmprojektionen Modellbauten (z. B. die Straßen Londons), mit besonderen räumlichen Effekten. Gut gekürzt, gut gespielt, geglückt. Herzlicher Applaus. (Margarete Affenzeller/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17. 11. 2008)
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