"Das Bild vom armen Mitzerl"

17. November 2008, 13:43
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Die Erben nach Aranka Munk um die Restitution eines Klimt-Porträts im Lentos Museum - In Linz stellt man sich dumm, Provenienzforscherin Lillie gelang aber der Beweis

Linz - Sieben Jahre nach dem Krieg, 1952, beschloss der Linzer Gemeinderat den Ankauf der Sammlung von Wolfgang Gurlitt, der in der NS-Zeit blendende Geschäfte mit "entarteter" Kunst und geraubten Werken gemacht hatte. Bei einer Besprechung über die Bildauswahl vermerkte der damalige Magistratsdirektor bezüglich eines unvollendeten Damenbildnisses: "Klimt jüdischer Besitz! Vorbehalt bis Klärung!" Doch geklärt wurde nichts: 1956 erwarb die Stadt das Bild. Es ist ein Highlight des Lentos Museums, dürfte gut und gerne 15 Millionen Euro wert sein.

Alfred Noll, auf Restitutionsfälle spezialisierter Anwalt, ist der festen Überzeugung, dass dieses Damenbildnis Ria Munk, Mitzi gerufen, darstellt und deren Mutter Aranka Munk gehört hatte: Vor nun schon fast dreieinhalb Jahren, im Juni 2005, informierte er den Linzer Bürgermeister Franz Dobusch über den Fall mit der Bitte, den Rückgabeanspruch zu prüfen. Doch in der Stadt stellte man sich zunächst taub, dann unwissend. Und seit geraumer Zeit zieht man in Zweifel, ob das Bildnis, das Aranka Munk gestohlen wurde, jenes ist, das im Lentos hängt.

der Standard berichtete über den Fall exklusiv: Ria Munk, unglücklich verliebt, hatte sich im Dezember 1911, gerade einmal 24 Jahre alt, in Wien das Leben genommen. Gustav Klimt fertigte ein Porträt der aufgebahrten Frau an. Die Eltern wollten Ria aber anders in Erinnerung behalten: Klimt schuf im Auftrag zwei Bildnisse. Das erste wurde verworfen, weil es nicht den Vorstellungen der Munks entsprach (Klimt arbeitete es daher zur Tänzerin um), das zweite blieb 1918 unvollendet.

Aranka Munk, seit 1913 von ihrem Mann Alexander geschieden, nahm das Bild mit nach Bad Aussee, wo sie in der Marktleithe 78 eine Villa für die Sommermonate erworben hatte. Im Oktober 1941 wurde sie mit ihrer jüngeren Tochter Lola nach Lodz deportiert; dort kam sie wenig später ums Leben.

Erich Wolny, der Linzer Magistratsdirektor, erklärt in seinem jüngsten Brief an Noll zwar, dass Justus Schmidt, Abteilungsleiter des Gaumuseums, im Juli 1942 "aus dem entzogenen Bestand der Villa von Aranka Munk in Bad Aussee ,ein wertvolles Damenporträt' angeboten worden" war; aber auch hieraus gehe nicht hervor, "welches Portrait von Klimt konkret angeboten wurde".

Noll ist nachgerade entrüstet. Denn Gurlitt hatte in Bad Aussee gelebt - in unmittelbarer Nachbarschaft zu Aranka Munk. Er dürfte ganz genau gewusst haben, wo es etwas abzustauben gab. Zudem war nahezu ein Jahrhundert unstrittig, dass die Porträtierte Ria Munk hieß. Schließlich hatte Erich Lederer, ein großer Klimt-Sammler, das Bildnis identifiziert. "Er wird wohl gewusst haben, wie Ria ausgesehen hat. Sie war ja seine Cousine."

Der Stadt Linz kam zupass, dass Alfred Weidinger, Vizedirektor des Belvedere, das Porträt in seinem Klimt-Werkverzeichnis (Prestel 2007) nur als "Frauenbildnis" bezeichnet. Als Provenienz nennt er zwar Alexander und Aranka Munk, die Identität der dargestellten jungen Frau sei aber bisher "nicht geklärt".

Eidesstattliche Erklärung

Der Wiener Provenienzforscherin Sophie Lillie gelang nun der Beweis: Sie reiste nach Bad Aussee, frug sich durch - und stieß auf einen Mann, der das Bildnis, das nun im Lentos hängt, in der Villa Munk gesehen hatte. Er gab eine eidesstattliche Erklärung ab.

Dessen Großvater war der Hausverwalter von Aranka Munk. Nach 1938 konnte sie nicht mehr ins Ausseerland reisen. In einem der Briefe bittet sie ihren Hausverwalter, "auf das Bild vom armen Mitzerl" besonders Obacht zu geben.

Dieser ging weiter seiner Arbeit nach, konnte aber nicht mehr entlohnt werden. Der ortsansässige Kunsttischler Karl Burgstaller, der um 1914 die aufwendigen Einlegearbeiten in der Villa Munk angefertigt hatte, riet daher dem Hausverwalter, sich etwas aus der Villa zu nehmen. Er sagte, dass ein Bild von Klimt, das im Stiegenhaus des Vorhauses hing, das wertvollste Stück sei. Der Enkel berichtet weiter:

"Da wir neugierig waren, gingen mein Großvater, meine Eltern und ich, als circa neunjähriger Bub, um 1942 in die Villa Munk, um das Bild anzuschauen. Es war ein großes Bild - schätzungsweise 1,5 Meter hoch und circa 80 cm breit - und zeigte eine stehende Frau. Es war sehr flach und nicht plastisch gemalt, und wirkte insgesamt unfertig. Das Gesicht war ausgeformt, aber der Körper schien sich in Beiwerk aufzulösen. Wir sind damals vor dem Bild gestanden und haben uns gewundert und darüber gelacht, dass es angeblich so wertvoll sein soll. Dadurch ist mir das Bild in Erinnerung geblieben."

Mitgenommen hat der Hausverwalter das Bild nicht: "Da es sonst geheißen hätte, wir hätten es gestohlen", wie sein Enkel erklärt.

Er ist "davon überzeugt", dass es sich bei jenem Bild um das Bildnis Ria Munk handelt, das "sich heute im Lentos Museum befindet".

Sophie Lillie habe den Job erledigt, den die Stadt Linz schon vor über einem halben Jahrhundert erledigen sollte, so Alfred Noll spitz. Er lässt Erich Wolny am Montag die Rechercheergebnisse zukommen. Und hofft auf eine Restitution noch in diesem Jahr. Bevor Linz Kulturhauptstadt Europas ist. (Thomas Trenkler/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17. 11. 2008)

  • Erfolgreich: Sophie Lillie.
    foto: newald

    Erfolgreich: Sophie Lillie.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    "Das Gesicht war ausgeformt, aber der Körper schien sich in Beiwerk aufzulösen": Der Enkel des Hausverwalters von Aranka Munk kann sich genau erinnern, was er 1942 in deren Villa sah: das Bildnis Ria Munk, das die Stadt Linz vom NS-Kollaborateur Wolfgang Gurlitt erwarb.

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