Genetische Einsicht mit vielen Gefahren

16. November 2008, 19:10
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Gentests für jedermann bieten kommerzielle Anbieter an. Und wer will, kann sich sein Genom heute für ein paar hundert Euro entschlüsseln lassen

Die entscheidende Frage: Was bringt dieses Wissen? Experten warnen vor dem sorglosen Umgang mit Daten.

Es war ein exklusiver Club mit nur zwei Mitgliedern: Der Nobelpreisträger und DNA-Mitentdecker James Watson und der berühmte Genforscher Craig Venter waren die einzigen Menschen, die ihr gesamtes Erbgut entschlüsseln ließen - bis jetzt. Seit 13. November sind sie nicht mehr allein. Da stellte das Fachmagazin Nature gleich vier neue Genomanalysen vor. Während zwei Forscherteams berichteten, wie sie das Erbgut eines Afrikaners und eines Han-Chinesen entzifferten, nahmen sich Richard Wilson und seine Mitarbeiter von der Washington University gleich zwei vollständige Erbgutsätze einer einzigen Krebspatientin vor: Sie analysierten das Tumorgenom und verglichen es mit dem einer gesunden Zelle. Dabei fanden sie acht bislang unbekannte krankheitsrelevante Unterschiede. Der ehemalige Direktor des US-Humanen Genomforschungsinstituts erklärte, dass die Krebsforschung damit in eine neue Ära gleite.

Doch sind es nicht die Einzelarbeiten, die das neue Zeitalter markieren, sondern vielmehr die Technologien: Mehr als eine Dekade hat es gedauert und mehrere hundert Millionen Dollar gekostet, bis das erste menschliche Genom entschlüsselt wurde. Die aktuellen Analysen kamen mit acht Wochen und knapp 100.000 Dollar aus. Wir sind auf dem Weg zur Genanalyse für jedermann", sagt Hans Lehrach, Direktor am Max-Planck-Institut für molekulare Genetik in Berlin. Der Erbgut-Check innerhalb von zwei Tagen für ein paar hundert Euro ist für ihn keine Zukunftsmusik mehr.

Vor allem für die Krebsforschung eröffne der Preisverfall völlig neue Möglichkeiten: "Von essenziellen Nutzen allerdings sind groß angelegte Genomanalysen, wie das 1000genomes oder das cancer-genome-Projekt, die mehrere tausend Menschen einschließen", sagt Lehrach. Denn hinter den verschiedenen Krebsarten stecken unterschiedliche genetische Vorgänge. Je genauer sie bekannt sind, desto präzisere Therapien können Forscher entwickeln - und desto besser können Ärzte anhand von Gentests beurteilen, welche bei einem Patienten wirken werden. Lehrach ist sicher, dass es in den nächsten Jahren möglich wird, das Genom des Tumors jedes einzelnen Krebspatienten zu sequenzieren.


Großes Geschäft

Doch schon heute bieten Firmen wie Decode Genetics oder 23andMe an, das Erbgut von Privatpersonen für etwa 400 bis 1000 Dollar (zirka 315 und 780 Euro) zu analysieren. Dabei wird aber nicht die komplette Gensequenz entziffert, sondern nur eine Auswahl von Abschnitten, die Forscher für besonders aussagekräftig halten.

Was der Laie davon hat? "Derzeit noch wenig", sagt Lehrach. Zwar gibt es Krankheiten, die eindeutig genetisch bedingt sind. Über die komplexen Vorgänge, die hinter Krankheiten wie Alzheimer stehen, ist dagegen noch so wenig bekannt, dass sich die Aussagen darauf beschränken, ein um ein paar Prozent höheres oder niedrigeres Risiko zu tragen als der Durchschnitt. Dazu kommt, dass Umweltfaktoren und Lebensgewohnheiten ebenfalls eine große Rolle spielen können.

Kritischer noch sieht Herbert Gottweis, Experte für die Regulation von Biomedizinforschung an der Universität Wien, die Entwicklung. "Menschen, die ihr Erbgut abklären lassen, suchen nach einer Gewissheit über ihre Gesundheit. Doch mit dem heutigen Stand der Wissenschaft werden sie eher beunruhigt", kommentiert er die "Nature"-Veröffentlichung. Zusammen mit seiner Kollegin Barbara Prainsack fordert er groß angelegte Untersuchungen, um zu ermitteln, wie Menschen mit ihrem neuen Wissen umgehen und welchen Nutzen sie daraus ziehen. Aus diesen Erkenntnissen sollten Regeln für den Umgang mit den Daten entwickelt werden. "Es ist offensichtlich, dass Arbeitgeber und Krankenversicherungen keinen Zugang dazu haben sollten", schreibt Gottweis.

Doch zeigt das unbefangene Verhalten von Internetnutzern, dass viele mit den Folgen der Datenspeicherung nicht vertraut sind.


Missbrauchsgefahr

Heute erstellen Amazon und viele andere durch das digitale Blättern im Produktkatalog ganze Benutzerprofile, solch eine Entwicklung lässt sich sehr einfach übertragen. Google Health etwa bietet an, individuelle Krankengeschichten im Internet zu hinterlegen. Angenommen, Google und 23andMe wären technologisch und finanziell verlinkt (23andMe-Mitbegründerin Anne Wojicki ist mit Google-Boss Sergej Brin verheiratet!), könnten diese Daten leicht zusammengeführt werden, so Prainsacks Szenario. Und wer weiß, vielleicht leitet Google Maps dann zum nächsten Spital, das Spezialbehandlungen anbietet.

Derzeit profitieren vor allem Gentest-Anbieter vom Selbstergründungswillen der Menschen - auch, weil sie die Gendaten ihrer Kunden für wissenschaftliche Studien nutzen. "Zum ersten Mal bezahlen Menschen dafür, an Forschung teilhaben zu können", sagt Gottweis. Decode Genetics etwa hat eine Reihe bedeutender Arbeiten veröffentlicht und vertreibt Gentests für verschiedene Krankheiten. Medikamente wurden noch nicht entwickelt. Das isländische Unternehmen steckt inzwischen in großen Geldnöten, der Akte droht der Ausschluss aus dem Nasdaq. (Edda Grabar, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.11.2008)

 

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    Firmen wie Decode Genetics oder 23andMe bieten an, das Erbgut von Privatpersonen für etwa 400 bis 1000 Dollar (zirka 315 und 780 Euro) zu analysieren.

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