Die letzte Feuerländerin

16. November 2008, 18:22
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Sieben Monate reiste Jürgen Neffe auf den Spuren Charles Darwins um die Welt: Sein Reisebericht ist zugleich eine gelungene Darwin-Einführung und eine kritische Würdigung seiner Evolutionstheorie

Wien - Eine "echte" Feuerländerin gibt es noch. Die letzte Nachfahrin der Yámana heißt Cristina Calderón, ist 78 Jahre alt und lebt im chilenischen Puerto Williams, der südlichsten Stadt der Welt. Jürgen Neffe, der auf den Spuren Darwins sieben Monate um die Welt reiste, trifft die alte Dame eher zufällig. "Was bedeutet es, die letzte einer Linie zu sein?", fragt er Señora Calderón. "Ich denke, das Thema meines Lebens", antwortet sie.

Das Begegnung mit der letzten vom Volk der Yámana, welche Darwin für die "elendsten der Elenden" hält, ist eine der besonders eindrücklichen Begebenheiten im neuen Buch des vielfach ausgezeichneten Wissenschaftsjournalisten. Darwin. Das Abenteuer des Lebens (C. Bertelsmann, München 2008) ist mehr als nur der anekdotenreiche Bericht einer Reise: Jürgen Neffe macht ihn zum Aufhänger einer Einführung in Leben und Werk Darwins - und einer kritische Würdigung der Evolutionstheorie.

Der deutsche Bestsellerautor hielt sich bei seiner Route strikt an jene des Begründers der Evolutionstheorie, der im nächsten Jahr gleich zwei Jubiläen feiert: Am 12. Februar 1809 wurde Charles Darwin geboren und am 24. November 1859 erschien sein Hauptwerk The Origin of Species (Die Entstehung der Arten). Beide reisen über Brasilien, Argentinien und Chile nach Galápagos, über die Osterinsel, Tahiti, Neuseeland, Australien und Südafrika zurück in die Heimat.

Was bei Darwin auf der HMS Beagle fünf Jahre von 1831 bis 1836 dauert, schafft sein deutscher Nachfahrender nach über einjähriger Planung von September 2007 bis März 2008. "Mir ging's darum, im Prinzip wie Darwin zu reisen, also nonstop, und entsprechend mit allen Hochs und Tiefs einer langen Reise", so Neffe im Interview mit dem Standard. Und weil an vielen Stellen des Planeten alles noch so ist wie vor 170 Jahren, zitiert Neffe immer wieder Textpassagen aus Darwins Reisebericht (Die Fahrt der Beagle, orig. 1839).

An anderen Orten ist buchstäblich kein Stein mehr auf den anderen: Tiere, die der junge Darwin damals wie selbstverständlich "eingesammelt" hat, sind in der Zwischenzeit vom Aussterben bedroht.

Auf die 26 Kapitel des Buches verteilt Neffe aber auch die wichtigsten Stationen in Darwins Leben und die bedeutendsten Erkenntnisse seines revolutionären Werks, das wie kein anderes unser wissenschaftliches Weltbild prägt. Es liegt in der Natur der Sache, dass diese wohlinformierten biografischen und wissenschaftlichen Exkurse etwas beliebig verteilt sind. An vielen Stellen aber passen sie wunderbar: etwa, wenn Neffe am Strand von Rio über sexuelle Selektion schreibt oder in Feuerland über "nature" und "nurture", das Verhältnis von Genen und der Umwelt.

Bei aller Wertschätzung der unsterblichen Verdienste Darwins ist der promovierte Biochemiker Neffe in dem Punkt indes sehr kritisch: "Seine Schwäche war die kulturelle Evolution. Er hat in seiner Evolutionstheorie den Faktor Umwelt beim Menschen unterschätzt", so Neffe, der gleich auch ein einfaches wie einleuchtendes Beispiel parat hat: "Wenn Darwin bei den Feuerländern aufgewachsen wäre, wäre er nicht Darwin geworden."(Klaus Taschwer/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17. 11. 2008)

  • Jürgen Neffe liest am Dienstag ab 19.30 Uhr im Naturhistorischen Museum Wien.
    foto: bertelsmann

    Jürgen Neffe liest am Dienstag ab 19.30 Uhr im Naturhistorischen Museum Wien.

  • Cristina Calderón
    foto: jürgen neffe

    Cristina Calderón

  • Jürgen Neffe: "Darwin. Das Abenteuer des Lebens". € 23,60 / 527 S., C. Bertelsmann, München 2008.
    foto: bertelsmann

    Jürgen Neffe: "Darwin. Das Abenteuer des Lebens". € 23,60 / 527 S., C. Bertelsmann, München 2008.

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