Der Dirigent aus Olmütz

16. November 2008, 12:16
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Karel Brückner war auch in Tschechien nicht unum­stritten. Als "konservativ und unkommunikativ" gilt er. Seine Qualitäten ste­hen aber nicht zur Debatte

Prag - Karel Brückner ist trotz der Erfolge, die er mit der tschechischen Fußball-Nationalmannschaft gefeiert hat, in seinem Heimatland nicht unumstritten. "Starr", "konservativ", "hartnäckig" und "unkommunikativ" sind Eigenschaften, mit denen tschechische Sportjournalisten den österreichischen Teamchef in einer Umfrage der Austria Presse Agentur beschreiben.

Die Frage, ob der 69-jährige Tscheche für Österreich eine Chance darstelle, beantworten vier von fünf Experten mit keinem eindeutigen 'Ja'. Sie beurteilen Brückner aber durchwegs als "herausragenden Trainer". Brückner war von Dezember 2001 bis Juni 2008 Tschechiens Teamchef.

"Aus Olmütz dirigieren"

"Herr Brückner wurde auch hier kritisiert, und es ging um die selben Probleme", sagt der Fußball-Kommentator des Tschechischen Fernsehens CT, Jaromir Bosak. Und zählt auf: "Er spricht nicht mit Journalisten über Taktik und Spieler - wenn er überhaupt spricht -, sieht nur sehr selten Spiele in der Bundesliga, will alles aus Olmütz dirigieren..." Dass der "ältere Herr" lieber zu Hause im mährischen Olomouc (Olmütz) weilt und Videos schaut als sich in den Stadien zu zeigen, wurde auch von den tschechischen Medien negativ vermerkt. Nach Prag sei er nur gefahren, wenn er wirklich musste.

Karel Felt, Sportressort-Leiter der tschechischen Tageszeitung "Pravo", meint, Brückner "mag keine Veränderungen". Der Teamchef habe sich vor allem in den vergangenen Jahren wenig bewegt und reagiere oft nur spät auf den Spielverlauf. Sein System in Tschechien - "alles auf Stürmer Jan Koller" - sei für die Gegner leicht zu durchschauen gewesen, ergänzt Jiri Nikodym, Sport-Chef beim Fernsehsender "Prima".

"Er gab seinen bewährten Spielern immer den Vorzug, ungeachtet deren aktueller Form und Leistung", findet Ludek Madl von der Tageszeitung "Sport". Auch Nikodym und Felt sehen das Problem der Lieblingsspieler. Brückner hatte aber, wie Madl betont, über den tschechischen Kader "absoluten Überblick". Das lag wohl daran, dass er nach der Leitung des U21-Teams mehrere Jahre "systematisch gearbeitet hat", wie Fußball-Journalist Filip Saiver von "Mlada fronta Dnes" betont. "In Österreich vergisst man ein bisschen, dass jeder Trainer Zeit braucht."

Auf wenig Verständnis stieß in Tschechien außerdem Brückners Weigerung, sich mit progressiven und wissenschaftlichen Methoden auseinanderzusetzen. Moderne Trends ignoriere er nicht nur, er lasse sich in seine Taktik auch nichts dreinreden. Brückner "erträgt" laut Felt "keine Kritik". Und lebt nach dem Motto: "Am besten kritisiere ich mich selbst", zitiert Madl Worte des Teamchefs. "Seine Assistenten haben sich immer über ihn beschwert, weil er ihnen aus seinem Know-how nie alles weitergebe und das Wichtigste für sich behalte."

Brückner Spricht nicht

Besonders heikel war aber das Verhältnis zu den Medien. "Ein Dialog war praktisch nicht möglich", wirft Nikodym Brückner vor: "Er gab keine Interviews, ging grundsätzlich nicht in Fernsehsendungen und bei Pressekonferenzen machte er deutlich, dass er Journalisten für fußballerisch nicht ausreichend fundiert hält, um mit ihnen gleichberechtigt diskutieren zu können." Felt meint, Brückner könne durchaus "witzig und geistreich" sein - aber nur, wenn seine Mannschaft gewinnt. Verliert sie jedoch, schweige er oder sage nur das Notwendigste. "Er kommuniziert auch mit den Spielern wenig."

Bosak, Felt, Nikodym, Saiver und Madl finden aber auch viele lobende Worte: Brückner sei bei Angriffs-Standardsituationen "weltweit konkurrenzlos". Ein "ausgezeichneter Stratege" sei er - sowie "ein sehr guter Trainer und Fachmann", der "zu seiner Zeit zu den progressivsten der Welt gehörte". Brückner schaffte es, das Team zu einen, selbst mit einem "von Zeit zu Zeit problematischen Pavel Nedved". Die Mannschaft habe unter Brückner "außerordentlich effektiv" gespielt, wobei er aber auch das Glück hatte, über hervorragende Fußballer zu verfügen.

Der Höhepunkt war für den ehemaligen tschechischen Nationaltrainer die EM 2004 in Portugal, wo Tschechien zwar im Semifinale ausschied. Aber Fachleute sind sich einig, dass die Tschechen bei dem Turnier die beste Leistung von allen erbracht haben. Danach habe das Team qualitativ nachgelassen - auch darüber sind sich die Experten einig.

Brückners Zenit überschritten

"Karel Brückner hat seinen Trainer-Zenit schon überschritten", sagt Nikodym. "Ich denke, aufgrund seines Alters und seiner Gesundheitsprobleme wird es nicht mehr möglich sein, dass er in die Position eines Spitzentrainers modernen Typs zurückkehrt." "Es ist gut möglich, dass Brückner bald gefeuert wird", glaubt Bosak angesichts der Kritik an dem Teamchef wegen trüber Aussichten für die WM-Qualifikation 2010 in Südafrika. An einem eventuellen vorzeitigen Trainerwechsel wäre nach Ansicht des Fernseh-Kommentators aber Brückner nicht allein schuld: "Die österreichische Mannschaft ist noch nicht gut genug. Der Sieg gegen Frankreich wurde überbewertet."

Der Sieg gegen Frankreich war ein Schuss ins eigene Knie, meint Saiver. "Wahrscheinlich hat er damit unangemessen hohe Erwartungen geweckt im Hinblick auf die tatsächliche Stärke des österreichischen Fußballs. Wäre er gegen Frankreich nicht erfolgreich gewesen, vielleicht würde man jetzt nicht über seine Abberufung reden." (APA)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Den Mund nimmt sich Trainer Karel Brückner selten zu voll.

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