Die Krise und das "pöse Internet"

15. November 2008, 13:38
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Auf der Suche nach Sündenböcken für die Finanzkrise ist auch das Internet in den Kreis der Verdächtigen geraten. Schließlich habe erst das Web die Erteilung milliardenschwerer Order in Millisekunden ermöglicht.

Gibt man auf Google die Begriffe "Finanzkrise" und "Schuld" ein, wirft die Suchmaschine in 0,08 Sekunden eine Dreiviertel-million Einträge aus. Die Liste der potenziellen Sündenböcke reicht dabei von den Banken über die Politik, die Gier, den USA, dem Testosteron-Hormon bis hin zum Internet. "Pöses Internet! einer muss ja schuld sein!", unkt dazu User geldsocke auf hartgeld.com, einem deutschsprachigen Web-2.0-Forum zu Finanzthemen.

Dass das Internet in den Kreis der verdächtigen Sündenböcke für die Finanzkrise geraten ist, kommt nicht von ungefähr. Es ist die Kommunikationstechnologie, die die Welt zu einem Dorf hat werden lassen. Über das Netz der Netze können tausende Aktienpakete im Wert von zigmillionen Euro binnen kürzester Zeit ihren Besitzer wechseln. Von der Erteilung einer Order und wieder zurück zum Kunden dauert es heute weniger als zehn Millisekunden.

"Sie möchten einen Credit Swap von 100 Millionen Dollar aufsetzen? Ein Instant Message an einen Hegde Fund auf den Caymans genügt", beschreibt der in Deutschland lebende US-Publizist Tim Cole die Katalysatorwirkung des Internet in seinem Blog (www.cole.de). Mithilfe immer raffinierterer Trading-Systeme können Kapitalflüsse in Milliarden-höhe um den Globus gelenkt werden. Per Laptop oder Smartphone können von jedem Ort der Welt Order platziert werden.

Im Hintergrund arbeiten komplexe, von sogenannten Quants (hochspezialisierte Finanzmathematiker) entwickelte Computerprogramme, die immer kompliziertere Finanzprodukte wie Derivate, Subprime-Hypothekenfonds und "asset-backed securities" automatisiert jonglieren. Nach Auffassung vieler Kritiker haben die Finanztrader schon längst vor der Komplexität der Systeme kapituliert und machen sich gar nicht mehr die Mühe zu verstehen, was ihre Computer im Einzelnen machten.

Analog arbeitende Bürokraten

Die Kritik an den rechnergesteuerten Investments ist nicht neu. Sie wurde schon vor zwanzig Jahren laut, als die Börsen am 19. Oktober 1987 weltweit um bis zu 45 Prozent einbrachen. Auch damals waren Tradingprogramme, die große Mengen von Kauf- oder Verkaufsordern gleichzeitig bewältigen konnten, schnell als Sündenböcke ausgemacht.

"Das globale Finanzsystem wird durch die Technologie der New Economy in atemberaubendem Tempo beschleunigt, während die weltweiten Regulierungssysteme und Bürokraten noch immer im Analogzeitalter hängen", macht Cole auf ein Verhängnis aufmerksam, das die elektronisch gesteuerten Geldgeschäfte zusätzlich zur großen Krise hat aufschaukeln lassen.

Nicht vergessen werden dabei darf allerdings, dass die Entscheidung darüber, kaum durchschaubare Finanzprodukte auf die Anleger losgelassen werden, noch immer bei Menschen liegt. Eine Lehre, die aus der aktuellen Finanzkrise gezogen werden muss, sind für Cole daher Online-Systeme, die in der Lage sind, selbst komplexeste Finanzinformationen so darzustellen, dass sie ein Mensch verstehen kann. "Wir müssen den Wildwuchs des 'rogue trading' per Instant Messaging und anderer Kommunikationssysteme begrenzen, die heute noch außerhalb jeglicher Compliance-Aufsicht stehen. Wir müssen Systeme schaffen, die Händler besser überwachen und Transparenz im Markt schaffen, damit wir nicht wieder auf dem falschen Fuß erwischt werden", schreibt Technikexperte Cole.

Wenn das gelingt, werde das Internet und die Informationstechnologie die Finanzmärkte sicherer, stabiler und überschaubarer machen. Dass das Internet die Kommunikation demokratisieren und Vorgänge transparenter machen kann, beweisen im Web 2.0 tagtäglich Millionen Nutzer.

Heftige Blog-Debatten

Erinnert sei in diesem Zusammenhang etwa an jene 120 amerikanischen Top-Ökonomen, die Ende September einen dramatischen Appell an die US-Kongressmitglieder richteten, in dem sie ihre Besorgnis über den ursprünglichen - ihrer Meinung nach unausgegorenen - Rettungsplan von US-Finanzminister Henry Paulson ausdrückten. Als Sprachrohr nutzten sie dafür den Weblog Freakonomics der New York Times.

Mittlerweile hat Paulson sein Programm überarbeitet. Der Aufkauf fauler Kredite gilt nicht mehr als die beste Verwendung der 700 Mrd. Dollar Rettungsgelder. Gelder sollen nun auch unter anderem zur Stützung von Verbraucherkrediten eingesetzt werden.

Die Wissenselite und die Communities informieren, debattieren, analysieren, argumentieren und suchen eine Lösung aus dem Dilemma - und dies alles im Internet. (Karin Tzschentke, DER STANDARD/Printausgabe, 15.11.2008)

 

  • Das Web als Seismograf für Krisen: Wenn jemand wissen will, was bei
Internetsuchen aktuell gefragt ist, findet eine Antwort darauf bei
Google Trends. Im Bild: die Nachfrage nach dem Begriff Subprime.
    der standard

    Das Web als Seismograf für Krisen: Wenn jemand wissen will, was bei Internetsuchen aktuell gefragt ist, findet eine Antwort darauf bei Google Trends. Im Bild: die Nachfrage nach dem Begriff Subprime.

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